Tipps & Rezepte zum Leben mit Histaminintoleranz

Schlagwort: hashimoto

Paläo-Therapie – Essen gegen Autoimmunkrankheiten? (Buchrezension)

Buchrezension: Die Paläo-Therapie von Sarah Ballantyne

Ihr seid auf meinem Blog gelandet, nicht nur, weil Ihr HIT habt, sondern auch Morbus Basedow oder Hashimoto oder eine andere Autoimmunkrankheit? Ihr habt eigentlich schon fast aufgegeben, an Heilung zu denken? Hm, vielleicht bringt gerade Euch Sarah Ballantyne, auch bekannt als The Paleo Mom, auf andere Gedanken. Die Bloggerin hat ihr gesammeltes Wissen über die Paläo-Ernährung jetzt in einen dicken Wälzer mit dem Fokus auf Autoimmunkrankheiten gepackt. Ursprünglich kam das Buch auf Englisch mit dem Titel “The Paleo Approach” heraus. Jetzt ist die deutsche Übersetzung “Die Paläo-Therapie”* erschienen.

Für wen ist das Buch und was kann es?

Das 431 Seiten starke, großformatige Buch mag in seiner Wuchtigkeit den einen oder anderen erst einmal erschlagen. Es ist aber ein Fundus für alle, die an Autoimmunkrankheiten leiden und einen Weg aus der Krise suchen. Dabei vereint Sarah Ballantyne Tipps zur Ernährung, zum Lebenswandel und vieles mehr. Im ersten Teil wird erklärt, wie Autoimmunkrankheiten zustandekommen können und wie sie funktionieren.

Die Liste der bekannten Autoimmunkrankheiten ist lang. Hinzu kommen Leiden, die wahrscheinlich auf Autoimmunreaktionen zurückzuführen sind, wie jüngste Forschungsergebnisse andeuten. Dazu zählen Krankheiten wie Alzheimer, Epilepsie und Schizophrenie.

Nachdem die Ursachen erläutert wurden, geht es daran, Tipps zur Heilung zu geben. Sarah Ballantyne, die selbst an einer Autoimmunkrankheit litt, schaffte es mit der Paläo-Ernährung aus der Krise. Ihre Erfahrungen und auch ausgewählte Geschichten ihrer Blog-Leser teilt sie mit den Lesern dieses Buchs. Dabei sind die Erklärungen stets wissenschaftlich fundiert. Ab Seite 308 widmet sich Sarah Ballantyne auch der Histaminintoleranz. Viele weitere Nahrungsmittelintoleranzen sowie Zölikie werden in dem Buch besprochen. Jeder, der an einer Autoimmunkrankheit, Intoleranz oder einer mit Autoimmunreaktionen assoziierten Krankheit leidet und seine Beschwerden verstehen möchte, um endlich etwas dagegen zu tun, ist mit diesem Buch bestens beraten.

Was nehme ich (bisher) von dem Buch mit?

Offen gestanden ackere ich mich seit über einem Monat durch das Buch und habe es noch nicht ganz durch. Ich bin aber jetzt schon sehr angetan und möchte daher die Leseerfahrung mit Euch teilen. Das Buch steht exemplarisch und im positiven Sinne für populärwissenschaftliche Literatur, denn Sarah Ballantyne gelingt es, die komplexen Abläufe von Autoimmunkrankheiten dem Laien verständlich zu machen und jeder, der an einer solchen Krankheit leidet, weiß, wie wichtig das ist. Viele fühlen sich von Ärzten alleingelassen. Bücher wie dieses helfen, das eigene Leiden zu verstehen, um selbst handeln zu können. Details, die ich spannend fand und was ich bisher noch nicht wusste:

  • dass Zöliakie eigentlich immer mit einem Zink- und einem Eisenmangel einhergeht
  • dass nicht nur Weizen die Darmflora stört
  • wie einige Hülsenfrüchte und manches Pseudogetreide die Darmflora stören (warum nur glutenfrei nicht reicht)
  • warum viele Zöliakie-Patienten auch keine Milch vertragen
  • dass mehr Frauen als Männer an Autoimmunkrankheiten leiden (ca. 78 % sind weiblich), was vielleicht an einem hormonellen Zusammenhang liegt
  • und vieles mehr

Fazit

Das Buch hat mir vor allem geholfen, den Paläo-Ansatz besser zu verstehen. Ich stand der kategorischen Ablehnung gegenüber so vielen Lebensmittelgruppen bisher sehr skeptisch gegenüber und stellte mir die Frage: Was kann man dann noch essen? Ein bisschen ist davon geblieben, denn wenn man strikt paläo isst, fallen Hülsenfrüchte, Nachtschattengewächse, jegliches Getreide und laut Ballantyne auch Pseudogetreide ganz weg. Neben Obst und Gemüse bleibt nur noch Fleisch und Fisch. Jeder Vegetarier wird da verzweifeln.

Zum Glück erklärt das Buch sehr genau, warum dieses oder jenes nicht gut ist und man kann beginnen abzuwägen, was man wirklich ausschließen will und was vielleicht nur reduziert werden muss oder vorübergehend gestrichen werden sollte, bis sich der Darm wieder erholt hat.

Die Sache mit den Phytaten (v. a. in Hülsenfrüchten, Samen und Kernen) und Prolaminen (v. a. in Korn, Hülsenfrüchten und Pseudogetreide) fand ich sehr interessant, denn neben Gluten, genauer Gliadin, wirken sich auch Phytate und Prolamine negativ auf die Darmflora aus. Einerseits sah ich mich bestätigt, kein Soja zu essen, andererseits machte mir das meine geliebten Kichererbsen etwas madig. Ich habe jedenfalls gelernt, dass Hülsenfrüchte, die roh gegessen werden können (wie Erbsen und Schoten) wesentlich harmloser sind und besser zu verdauen sind, als solche, die lange eingeweicht oder gekocht werden müssen, um Giftstoffe unschädlich zu machen.

Samen und Kerne sollten laut Paläo am besten ganz gegessen werden (und nicht gemahlen). Durch das Zermahlen werden Stoffe frei, die den Darm durchlässiger machen können. Wie bäckt man dann paläo-tauglich? Da bleibt ja fast nur noch Kokos- und Mandelmehl. Und ich backe doch sooo gern 😉 Ich denke, dass eine strikte Paläo-Diät vor allem zu Beginn der Heilung Sinn macht. Sobald der Darm sich mal erholt hat, kann man einige Lebensmittel in Maßen wieder integrieren.

Zusammenfassung

  • 431 Seiten, Paperback mit farbigen Fotos und Grafiken
  • zahlreiche Erklärungen zu Nährstoffen, Funktionen des Immunsystems und mehr
  • eigener Teil über Histaminintoleranz
  • 29,99 Euro, erschienen im Riva-Verlag

Ich bedanke mich beim Riva-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

Hashimoto und HIT (Buchrezension) …

Hashimoto & HIT – Gibt es einen Zusammenhang?

Ich lese ja diverse Infos – im Internet, in Büchern und in Zeitschriften – zum Thema Histaminintoleranz. Vor längerer Zeit bin ich dann mal auf Hashimoto (Hashimoto Thyreoiditis) aufmerksam geworden. Anscheinend leiden v. a. Frauen, die HIT haben, oft auch an Hashimoto oder ist es umgekehrt? Aber es scheint zumindest einen Zusammenhang zwischen der Nahrungsmittelunverträglichkeit und der Autoimmunerkrankung, die die Schilddrüse betrifft, zu geben.

In großer Erwartung habe ich das Buch von Hashimoto Healing: Die ganzheitliche Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis* gelesen.

Aber wie das so ist, wenn man große Erwartungen hegt, läuft man Gefahr enttäuscht zu werden. Ich bin jemand, der Bücher mit ca. 200 Seiten (auch Sachbücher) gut an einem Tag verschlingen kann, wenn ich sonst keine Verpflichtungen habe. Sonntag wird daher gerne mal komplett zum Lesetag, aber durch dieses Buch musste ich mich etwas quälen.

Das lag eigentlich nicht unbedingt am unbeholfenen, manchmal etwas altbacken daherkommenden Schreibstil des Autors, sondern vielmehr daran, wie er diese Autoimmunerkrankung erklären wollte. Berndt Rieger ist promovierter Arzt und in der Alternativmedizin tätig – soweit ist das bei mir eher ein Pluspunkt als ein Grund zur Beanstandung oder für Vorurteile. Was heute “Alternativmedizin” genannt wird, war früher die Medizin.

Schulmedizin, wie wir sie heute nennen, ist eigentlich eine recht neue Erscheinung und tritt im Grunde als Alternative zur traditionellen Medizin auf. Gut, Versicherungen beurteilen das mittlerweile eben anders. Schulmedizinische Praktiken sind hier Standard und Alternativmedizin wird hinterfragt. Das holistische Heilen, der Verzicht auf viele bunte Pillen mit allerlei chemischen Cocktails, die kaum jemand versteht, der Einsatz von natürlichen Substanzen usw. – all das begrüße ich.

Und genau das habe ich auch von diesem Buch erwartet: Tipps, welche natürlichen Substanzen helfen (auch auf die Ernährung bezogen), einen holistischen Zugang zum Thema usw. Berndt Rieger tritt doch am Anfang des Buchs als “Gleichgesinnter” auf und schreibt auf S. 8:

Und diese Menschen [Betroffene von Hashimoto/Patienten] erzählen mir alle von ihrer Empörung, ihrer Enttäuschung über die “Schulmedizin”, wie man sie gerne nennt. Kassenmedizin ist der bessere Ausdruck. Krankheiten werden heute verwaltet unter ökonomischen Gesichtspunkten, und deshalb ist es auch so, dass man sich um Hashimoto-Kranke nicht kümmert.

Na, schreit dieser Absatz nicht nach Solidarität mit all den enttäuschten Kassenpatienten?! Wie kritisch! Und unsere Zwei-Klassenmedizin ist ein Problem für Ärzte wie Patienten. Wer kann es sich noch leisten, eine Praxis auf Kassenpatienten ausgerichtet zu betreiben? Ja, Herr Rieger hat auch eine Privatpraxis und das trotz oder wegen der obigen Kritik? Mir ist klar, dass Versicherungen knappsen, wo es nur geht und sie machen es einem Kassenarzt schwer, seinen Patienten gerecht zu werden, aber ein Kassenarzt versucht es zumindest. Herr Rieger hat eine Privatpraxis, aber regt sich über Kassenmedizin, über die Ökonomisierung von Krankheiten auf, darüber, dass Patienten unter den Tisch fallen. Aber Kassenpatienten (ohne private Zusatzversicherung) fallen auch hier unter den Tisch. Nun gut, das gibt mir also erst einmal zu denken.

Aber weiter im Text! Rieger verspricht (S. 9 f.):

Dieses Buch soll vor allem jenen Menschen, die an einer Hashimoto-Thyreoditis leiden, dazu dienen, die Arzneien aufzuspüren, die sie brauchen, um von dieser Autoimmunerkrankung der Schilddrüse wieder zu gesunden. Es soll ihnen zeigen, wie man Arzneien richtig anwendet.

und (S. 10):

Diese Form der Entzündung der Schilddrüse ist heilbar!

Und nun liest man in Erwartung auf mehr weiter im Buch, will eine Antwort auf die Frage: Wie heilt man Hashimoto nun ganzheitlich und traditionell medizinisch?

Zu großen Teilen scheint es laut Rieger eine Einstellungssache zu sein – und nein, nicht nur der Medikamenteneinstellung nach, sondern vom Geist her, vom Herzen her – diese Art von Einstellung ist gemeint. Und ja, das stimmt ja auch. Wer meditiert und andere Enstpannungstechniken anwendet, weiß, der Geist ist eine kraftvolle Sache. Meditation kann sehr effektiv begleitend zur sonstigen Therapie wirken. Das gilt ja auch bei der Histaminintoleranz. Nur, davon kein Wort bei Rieger. Das entspricht nicht seinem Verständnis von ganzheitlich. Geist und Körper in Einklang bringen – das geht anders bei Rieger. Und ich nehme es gleich vorweg – hier wird es psychologisierend, sehr sogar.

Rieger spricht von einem “psychosomatischen Konzept”.

Ich frage mich bei der Analyse eines Krankheitsfalls vorwiegend, was die seelischen Belastungsfaktoren zum Zeitpunkt der Erkrankung und seither waren, und suche danach Heilmittel aus. (S. 18)

Weiter auf S. 19:

Was man bei den Selbstheilungen beobachten kann, ist, dass sie keinesfalls “spontan” passieren, wie das der Kassenarzt gerne nennt, also eher zufällig, sondern dass sie das Ergebnis eines inneren Reifeprozesses sind, der die Betroffene auch charakterlich gefestigt und als Mensch stärker gemacht hat [Das tun aber viele schwere Krankheiten, sobald man sie einmal überwunden hat – ist meine Meinung]. Die Hashimoto-Krise trat, so wie das diese Menschen schildern, in einem Zustand der Ausweglosigkeit oder völligen Überforderung auf. Vergleichbar einem Burn-out, aber eben nicht durch Überlastung aller Kräfte, sondern durch eine ungelösten seelischen Konflikt, der sehr häufig eine sexuelle Komponente hat.

Ich sagte es bereits – es wird psychologisierend und das Folgende hat mehr mit freudianischen Erklärungsansätzen zu tun als mit psychosomatischen. Genau da liegt mein Hauptkritikpunkt an diesem Buch. Das wirkt doch alles etwas platt:

Ein Beispiel, das in meiner Praxis von verschiedenen Personen schon mehrmals so oder ähnlich geschildert wurde: Eine Frau verlässt ihre große Liebe und findet einen Partner, mit dem sie ihr Lebensglück sucht. Häufig ist das eine Familie mit Kindern. Eigentlich schließen kleine Kinder es ja aus, dass man sich in dieser Phase wieder auf erotische Abenteuer begibt. Plötzlich tritt aber die große Liebe wieder ins Leben und möchte die Beziehung fortführen. Eine starke Ambivalenz ist die Folge. Man will sich dem alten Leben hingeben, und in manchen Fällen beginnt auch eine Affäre. Andererseits ist die Beziehung zu den Kindern stark, selbst wenn sie mitunter durch ihre Ansprüche auch spürbar die Selbstverwirklichung als Frau oder Mensch verhindern und einen auf die Mutterrolle reduzieren wollen. Das sexuelle Begehren und auch die Sehnsucht nach der großen Liebe wird unterdrückt und löst einen Hashimoto-Schub aus. Hinzu treten natürlich auch der Stress der kleinen Kinder, der Umstellung von der Schwangerschaft auf die Stillperiode und tausend andere belastende Dinge des Alltags. Der Kern aber liegt in diesen Fällen im hormonellen Bereich, im Wunsch, die Säfte fließen zu lassen, was eben nicht geht und gehemmt wird durch rationale Abwägungen. (S. 19 f.)

So, hier war auch der erste Moment, wo das Buch wieder zugeklappt wurde und erstmal wieder in der Schublade verschwand. Ich bin kein ausgebildeter TCM-Therapeut, aber so viel mag ich mir anmaßen zu wissen, dass traditionelle chinesische (und auch europäische) Medizin zwar teils platt klingende Konzepte hat, die man keinesfalls wörtlich zu nehmen hat, sondern eben als Abstraktionen verstehen sollte. Zum Beispiel gibt es die Fünf-Elemente-Lehre, die eigentlich einem philosophischen Konzept entlehnt wurde.

Die Natur ist einem Zustand steten Wandels unterworfen. Die Elemente Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall sind dabei nicht als simplifizierte Atome oder eben Dinge zu verstehen – sie sind also eigentlich keine “Elemente” (im Periodensystem) – sondern elementare Prozesse, denen unterschiedliche Charakteristiken zugeschrieben werden.

Holz zum Beispiel für wachsende Prozesse, Wasser für fließende usw. Dieses philosophische Konzept wurde in die traditionelle, chinesischen Medizin aufgenommen. So werden Meridiane, Organe und auch Gefühle diesen Elementen zugeordnet. Und so kann ich mir vorstellen, dass man “Säfte fließen lassen” im übertragenen Sinne schreiben kann als Alternativmediziner, aber Rieger wird hier nur blumig, um den Geschlechtsakt zu umschreiben – Abstraktion ist was anderes.

Und dieses Gerede (ja, anders kann ich das wirklich nicht nennen) von den unterschiedlichen Frauenrollen (Mutter, Tochter, Geliebte, Karrierefrau), die im Konflikt miteinander stehen, zieht sich durch das ganze Buch und hat leider mit psychosomatischen Erklärungsansätzen nicht wirklich etwas zu  tun. Wieder, klar, redet der TCM-Therapeut über Gefühle, die verschiedenen Elementen zugeordnet werden können, aber seine Lösung ist dann nicht nur platt “Ja, lösen Sie Ihre Probleme”, sondern er weiß, jedem Element ist auch ein destruktives Element zugeordnet und dementsprechend kann man krankmachende Gefühle mit anderen heilen, sprich: Es wird einen konkreten, individuellen Vorschlag geben.

Im dritten Teil von “Körper, Geist und Seele” kommt das u. a. anhand des Zen-Buchs von Wong Kiew Kit heraus. Das und sein Buch “The Art of Chi Kung“* kann ich nur jedem empfehlen, der sich für alternative Heilungsmethoden, Meditation und/oder Kampfsport interessiert.

Doch zurück zu Riegers Buch! Ich habe es dann wieder in die Hände genommen und bin über die nächste Plattitüde, oder Generalität, oder wie immer man seine trivialen Erklärungsversuche nennen möchte, auf S. 21 gestolpert:

An dieser Stelle gleich die Frage: Warum entstehen Krankheiten? Antwort: Immer und unweigerlich aus Zwangslagen heraus, Ambivalenzen. Man kann sich nicht entscheiden, wohin die Reise gehen soll […].

Ein TCM-Therapeut hätte vielleicht “Extreme” statt “Zwangslagen” gesagt – also zu viel Feuer (was Wasserprozesse stört) oder zu viel Erde (was Holzprozesse stört) usf. Es ist nämlich kein Zwischen-den-Stühlen-Sitzen, Unentschlossenheit, Zwiespalt oder dergleichen, was uns krank macht, sondern es sind Ungleichgewichte, das Zu-Viel von irgendwas, eine Störung der Balance – und die hat mehr als zwei Seiten (Ambivalenz), siehe Grafik.

Rieger geht zu späterer Stelle jedoch auf konkrete mögliche Ursachen für eine Hashimoto-Erkrankung ein, allerdings in schulmedizinischer Sprache und Denkweise. Überhaupt fehlt mir der von ihm angekündigte alternativmedizinische Heilungsansatz, der über Schüßler-Salze & Co hinaus gehen sollte.

“Ursachen der Hashimoto-Thyreoiditis” ab S. 57 ist das Kapitel, was nun interessant wird. Eingangs versucht Rieger mit anscheinend gängigen Mythen um die Erkrankung und ihre Ursachen aufzuräumen. Rieger ist kein Freund von Normwerten bei Laboruntersuchungen. Ich auch nicht. Wir sind alle Individuen und daher kann man sich an solchen Normen zwar orientieren, sollte sie aber auch nicht zu ernst nehmen, v. a. wenn nur ein Wert ausreißt. Wenn jedoch mehrere Werte “off the charts” sind, so meine Meinung, sollte man dem doch mal auf den Grund gehen. Rieger ist kein Freund von Produkten zur “Entgiftung” (setzt er auch in Anführungszeichen) oder ausleitenden Verfahren – was er genau meint, wird an dieser Stelle, auf S. 57, noch nicht klar. Er ist

auch kein Freund von Ideen wie jener, dass man vielleicht im Jahr 1986, als der Reaktor von Tschernobyl eine gering erhöhte Strahlenbelastung in ganz Europa bewirkte, etwas an der Schilddrüse abbekommen haben könnte […]. Woher kommt hier meine Skepsis? Weil unser Körper dafür angelegt ist, lebenslang mit radioaktiver Strahlung umzugehen und sie zu ertragen. Die kosmische Strahlung und die Erdstrahlung wirken ständig auf uns ein.

Ganz so einfach ist es aber auch nicht. Das wäre so wie, wenn ich sagen würde, “Sie haben ja eine Leber und können Alkohol abbauen – was soll ihnen dann neben einem täglichen Glas Wein eine weitere tägliche Flasche Bier schon tun?” Klar, ein Glas Wein und eine Flasche Bier werden den normalen Menschen nicht dahinraffen, zumindest nicht bei Einmalgenuss – anders sieht es aber aus, wenn man das seiner Leber wirklich über Jahrzehnte jeden Tag zumutet. Oder anders: Wenn der Körper bereits mit der natürlichen Strahlung umgehen muss und das auch kann, kann dennoch eine signifikante Mehrbelastung zu Problemen führen. Es ist statistisch ja auch so, dass Kinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken aufwachsen (und die Kraftwerke laufen regulär – ohne Tschernobyl-Super-GAU), vermehrt Leukämie haben im Vergleich zu “normalen” Kindern, die andernorts groß werden. Ein konkreter medizinischer Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen wurde aber bis heute nicht herausgearbeitet, was aber nicht heißen muss, dass es ihn nicht gibt.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass nach so einer Atom-Katastrophe vermehrt Jod an die Bevölkerung zur Einnahme gegeben wird (darüber schreibt Rieger aber nicht). Das “stabile” Jod, das man mit der Tablette nimmt, soll verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt. Diese sogenannte Jodblockade soll vor Schilddrüsenkrebs schützen. Rieger weist darauf hin (S. 61), dass es “fast unmöglich” ist, eine “Jodvergiftung des Körpers zu erreichen”. Eine vermehrte Jodbelastung als Ursache für Hashimoto gelte daher als Mythos. Aber anscheinend wurde der Zusammenhang radioaktives Jod und Hashimoto bisher nicht genauer untersucht.

Auch sehr spannend finde ich den folgenden Absatz (S. 59), den Rieger scharf formuliert, insofern, als dass er Menschen, die es anders als er sehen als “Abergläubige” und “auf einem medizinischen Holzweg” Befindliche abtut.

Die Hysterie in Bezug auf das Amalgam ist ein gutes weiteres Beispiel in dieser Richtung. Amalgam ist eine sehr stabile chemische Quecksilberverbindung [eine Legierung, Anm.], die höchstens durch starke Hitzeentwicklung – beispielsweise ein rasch rotierender Bohrer beim Zahnarzt mit Dampfentwicklung – zerstört werden kann. Dann wird sie gefährlich, wenn man nämlich versucht, sie mechanisch aus dem Körper zu entfernen. Davon abgesehen nehmen wir über die Nahrung mehr oder minder große Mengen an Quecksilber zu uns und scheiden es auch wieder aus. Die Vorstellung, dass Amalgamplomben die Ursache einer chronischen Erkrankung sein sollen, ist abwegig und reiht sich in viele andere Vorstellungen eines Vergiftetseins ein, die viele Menschen haben und die aus einer alten abergläubischen Tradition stammen. Früher hat man die Ursache chronischer Krankheiten auf Hexerei geschoben […].

So, hier kommen also die Bekenntnisse eines solchen Abergläubigen. Ich sehe tatsächlich in Amalgamplomben eine große Gesundheitsgefahr. Inwieweit Quecksilber sich spezifisch auf die Schilddrüse auswirkt, kann ich nur mutmaßen, aber dass es z. B. einen Bezug zu Histaminintoleranz gibt – davon bin ich überzeugt. Quecksilber selbst ist hochgiftig, d. h. vor allem die Dämpfe, die es bereits bei Zimmertemperatur abgibt. Aber gerade die chronische Belastung ist nicht zu unterschätzen. Ein Beispiel ist die japanische Stadt Minamata. Durch Industriemüll wurden die Gewässer und so auch Fische etc. mit Quecksilber verunreinigt und die Bevölkerung, die größere Mengen an Quecksilber mit der Nahrung aufnahm, wurde krank.

Beim Zahnamalgam wird das flüssige Metall an ein festes Metall gebunden – Ergebnis ist eine Legierung mit z. B. Zinn, Silber oder dergleichen. Wer schon mal das Pech hatte, so eine Plombe zu bekommen, weiß, nach Jahren ist die anfangs glatte Füllung auf einmal rau und verdunkelt. Metall kann nämlich korrodieren und so gelangen Partikel in den Körper, was Rieger sehr harmlos abtut. Genauso harmlos scheint es für Rieger, dass wir Quecksilber (auch wenn legiert) im Mund herumtragen.

Die meisten verstehen Zähne als so etwas fast wie ein Stein. Zähne leben aber, sie haben Kanäle, eine Wurzel, Nerven, werden mit Mineralstoffen versorgt usw. Wenn wir in diesen Kreislauf also Quecksilber einsetzen und diesen Fluss unterbrechen oder eigentlich mit Gift mischen, kann das nicht gesund sein. Worauf der Kassenmedizin-kritische Privatarzt Rieger auch nicht hinweist, ist, dass Krankenkassen in der Regel nur Amalgamfüllungen übernehmen – es sei denn, man hat eine private Zusatzversicherung. Dann werden auch die Kosten für andere Füllungsarten übernommen. Wer sich’s leisten kann, lässt sich daher kein Amalgam in den Mund setzen.

Ich frage mich auch, was Herr Rieger glaubt, wie Amalgam in den Zahn kommt? Denn es entfernen, ist ja schlimm – so viel gibt er mir ja – aber das Einsetzen ist O.K.? Wenn der Kram noch nicht einmal fest ist, ist das auch harmlos? Also entweder beides ist schlimm oder nicht. Beim Entfernen von Amalgamplomben gibt es auch Mittel, um den Rachenraum abzudecken und das Amalgam abzusaugen.

Lassen wir die Radioaktivitätsdiskussion und auch die Amalgam-Frage mal so im Raum stehen (zu viel normales Jod gilt tatsächlich nicht als Ursache für Hashimoto) und schauen uns die anderen Ursachen an, die Rieger nennt.

Eisen, Zink und Kupfer bzw. der Mangel dieser Mineralstoffe bzw. Spurenelemente kann anscheinend eine Hashimoto mitbedingen. Gerade bei Zink und Kupfer musste ich kurz aufhorchen, weil diese als DAO-Kofaktoren eine wichtige Rolle bei Histaminintoleranz spielen. Schade, dass Rieger auf Histaminintoleranz in diesem Buch nicht eingeht.

Auch einen Selenmangel und Vitamin-C-Mangel diskutiert Rieger als mögliche Ursache oder als einen, die Erkrankung bedingenden Faktor. Er empfiehlt es aber nicht, jetzt einfach Nahrungsergänzungspräparate zu futtern. Das sehe ich auch so.

Man erwartet nun Tipps. Was soll man dann essen? Aber Rieger sagt das “richtige” Essen bei Hashimoto gibt es nicht. Viele seiner Patienten würden sich ohnehin “vorbildlich” ernähren: “basisch, organisch und reich an Vitalstoffen”. Den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheit will Rieger so nicht sehen. Er rät auf S. 65:

Essen Sie, was Ihnen schmeckt, und das in ausreichenden Mengen.

Und auf die Frage, warum er nicht konkreter wird, sagt er auf S. 66:

Weil ich nie weiß, was dem Einzelnen wirklich guttut. Was er braucht. Weil man doch eher selbst spürt, was einem guttut, und pauschale Empfehlungen oft in die falsche Richtung gehen. Der Beruf des Ernährungsberaters ist hier sehr schwierig, fast unmöglich.

Empfiehlt Rieger dann eigentlich Hilfsmittel? Wozu sonst haben Sie das Buch gekauft?

Rieger illustriert einfache Schilddrüsenmassagetechniken. Kühle Wickel, zum Beispiel Quarkwickel, empfiehlt er auch. Einen kleinen Ausflug in die Küche wagt Rieger nun, etwas später im Buch, doch. So empfiehlt er rohe Sojabohnen, verschiedene Kohlsorten, Erdnüsse und mehr. Natürliches Schilddrüsenextrakt wird auch diskutiert. Im Altertum habe man Schilddrüsen von Tieren, allen voran vom Schaf, gegessen. Mittlerweile wird das Extrakt großteils vom Schwein gewonnen, was Rieger nur bedingt empfiehlt. Dafür hat er aber eine konkrete Bezugsquelle und nennt eine Apotheke in München. Ein ähnliches Produkt ist laut Rieger von einer Apotheke in Frankfurt am Main zu beziehen. Als andere Hilfsmittel nennt er u. a. homöopathische Mittel, Schüßler-Salze und Atemübungen (Pranayama bei Yoga).

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass ich lediglich nur ca. die letzten 80 Seiten des Buchs als hilfreich empfand. Der einleitende Teil wiederholt sich mitunter nicht nur, sondern kommt für meinen Geschmack auch viel zu psychologisierend daher.

Ich habe einen Ausflug auf Dr. Riegers Internetseite gemacht und finde die Informationen und die Art, in der sie hier dargestellt werden, besser gelungen als im besprochenen Buch.

Leidet jemand von Euch zusätzlich an Hashimoto neben der Histaminintoleranz? Über Eure Meinungen und/oder Erfahrungen würde ich mich besonders freuen. Unten habt Ihr die Möglichkeit zu kommentieren.

Zusammenfassung:

  • 150 Seiten mit S/W-Fotografien (zu den Massagetechniken)
  • Konkrete Tipps zu Medikamenten (v. a. der Alternativmedizin)
  • kaum medizinische Erklärungen für die Erkrankung, eher psychologisierender Zugang
  • kein Bezug zu Histaminintoleranz im Buch gemacht, kaum Tipps zur Ernährung
  • 16,99 Euro, erschienen im MVG-Verlag

Ich bedanke mich beim MVG-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

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