Histamin-Pirat

Tipps & Rezepte zum Leben mit Histaminintoleranz

Kategorie: Buchrezension (Seite 1 von 4)

„Plastikfrei für Einsteiger“ – in einfachen Schritten zu einem bewussten Umgang mit Plastik (Rezension)

»Sag mal, Oma, womit habt ihr euch eigentlich früher die Zähne geputzt?« – »Na, mit einer Zahnbürste aus Holz«, sagte meine Oma in selbstverständlichem Ton. Ich war überrascht.

Für meine Generation ist Plastik vollkommen normal. Wir sind damit aufgewachsen. Vom Babybreiteller bis zu Omas Kittelschürze – alles war aus Kunststoff. Schließlich ist Kunststoff günstig und super vielseitig. Da ist nur ein Problem: Das Zeug zersetzt sich nicht.

Tonnenweise aufgeriebene Plastiküberreste, sogenannte Mikroplastik, schwimmen neben anderem Kunststoffmüll im Meer herum. Bestimmt hast Du die verheerenden Bilder von, dank der Strömung, zu Bergen aufgetürmtem Plastikmüll schon einmal gesehen. Oder die fiesen Folgen von achtlos weggeworfenen Feuerzeugen, die ihren Weg in den Magen von Vögeln gefunden haben. Fest steht: Die Menschen sind seit dem Plastikboom Mitte des 20. Jahrhunderts viel zu achtlos mit dem haltbaren Material umgegangen.

Mittlerweile werden Maßnahmen ergriffen. Einige Supermärkte haben bereits Plastiktüten ganz verbannt und verkaufen stattdessen Papiertüten und Stoffbeutel für den Transport Deines Einkaufs. Ohne Zweifel, damit wir das große Problem in den Griff bekommen, ist die Industrie gefragt. Doch auch jeder von uns kann seinen Beitrag leisten und damit nicht zuletzt die Wirtschaft zum Nachahmen anstiften. Denn sind wir mal ehrlich, Supermärkte springen nicht aus Nettigkeit auf den Plastikfrei-Zug auf, sondern weil immer mehr Menschen das fordern und so leben.

Denn solange Plastikverpackungen nicht gesetzlich verboten werden, kann nur er [der Verbraucher] das Produkt verändern. Mach dir eins klar: Du als Verbraucher kaufst ein Produkt nur, wenn es dir gefällt.

Und auch die Politik wird erst tätig, wenn ein Großteil der Wähler und Wählerinnen sie dazu zwingt.

Plastikfrei für Einsteiger – so kannst Du beginnen

Kürzlich habe ich Christoph Schulzes Buch „Plastikfrei für Einsteiger“* zur Rezension bekommen. Bisher achte ich bereits hier und da darauf, nicht unnötig Plastikmüll zu produzieren. Das Schwierigste hierbei war tatsächlich der Anfang. Während es nur vorausschauendes Denken braucht, um zum Einkaufen einen Beutel mitzunehmen, erfordern andere Maßnahmen zur Plastikmüllvermeidung wesentlich mehr Denkarbeit.

Das liegt vor allem daran, dass der Kunststoff so normal und allgegenwärtig ist. Wir glauben er ist geradezu alternativlos, bis wir über clevere Alternativen stolpern. Ich hatte einen ähnlichen Aha-Moment wie der Autor, als ich realisierte: Wow, es gibt sowas wie Holzzahnbürsten! (siehe oben)

Aus Erzählungen meiner Eltern wusste ich, dass ich noch geradeso zur Generation Stoffwindel gehörte. Die Dinger gibt’s heute immer noch. Bequemer ist sicherlich das Aufreißen, Anlegen und Wegwerfen einer Einwegwindel, umweltfreundlicher das Wiederverwenden.

Nicht jeder möchte diesen Aufwand betreiben, und das verstehe ich auch irgendwie. Trotzdem brachten mich die Stoffwindeln auf die Idee: Wenn es das für Babys gibt, wie sieht’s dann mit Stoffbinden für Frauen aus? Ja, auch die gibt es und ich bin längst umgestiegen*. Ein großer Vorteil, wenn man von den Pros für die Umwelt einmal absieht: Stoffbinden sind auf Dauer billiger. Ich persönlich finde sie auch angenehmer auf der Haut.

Wenn man so weit ist, hat man wirklich schon viel erreicht. Die Frage ist also: Wie plastikfrei möchtest Du leben?

Ist plastikfrei wirklich das Ziel?

Selbst wer auf die praktischen Einwegwindeln und abgepackten Damenbinden nicht verzichten möchte, kann etwas gegen die Müllberge für Jahrtausende tun. Zum Beispiel den Müll richtig entsorgen. Gebrauchte Windeln und Binden aus dem Wegwurfsortiment gehören trotz ihres hohen Kunststoffanteils nicht in die gelbe Tonne, sondern in den Restmüll. Umgekehrt kommen Joghurtbecher in die gelbe Tonne – am besten ungestapelt, weil sie so besser recycelt werden können.

Grundsätzlich finde ich, wie der Autor übrigens selbst, den Begriff „plastikfrei“ ein bisschen problematisch. Das klingt immer nach „entweder … oder …“, „alles oder nichts“, „schwarz oder weiß“. So ein Denken zwingt uns eine Entscheidung ab und klingt immer nach Verzicht. Das ist aufwändig, anstrengend … und schon steht der innere Schweinehund auf der Matte und kläfft: Darauf habe ich keinen Bock.

Wir versuchen nicht, plastikfrei zu leben, weil Plastik grundsätzlich schlecht ist, sondern weil wir lernen müssen, richtig damit umzugehen.

Für den Anfang fände ich daher einen Begriff wie „plastikarm leben“ treffender. Betroffene von Histaminintoleranz können damit sowieso gleich etwas anfangen. Histaminarm, das kennen wir. Tatsächlich braucht unser Körper Histamin. Ganz ohne geht nicht. Nur zu viel ist eben auch unerträglich. Jetzt brauchen wir Plastik nicht unbedingt, aber das wasserabweisende Material in allen möglichen Flexibilitätsstufen hat in gewissen Bereichen eben seine Vorteile. Man denke nur an den Operationssaal in Krankenhäusern mit Einweghandschuhen und allem Drum und Dran. Genauso finde ich wetterfeste Funktionskleidung durchaus praktisch. Nur im Essen oder auf der Haut brauche ich kein Plastik.

Außerdem hast Du bestimmt schon einige Utensilien zuhause, die aus Plastik bestehen. Sollst Du die nun einfach wegschmeißen? Das wäre ja Quatsch. Dann könnte ich diesen Blog-Artikel (auf meiner Plastiktastatur) zum Beispiel nicht schreiben.

Um den Einstieg zu erleichtern, solltest Du dort ansetzen, wo Du am meisten Wegwerfplastik produzierst. Die Einkaufstüten und Zahnbürsten* habe ich bereits erwähnt. Und die Joghurtbecher auch. Es gibt ja auch Joghurt im Glas. Dann sind da noch ganz andere Verbrauchsgegenstände, die in der Regel aus Plastik bestehen. Einwegrasierer, Strohhalme und – Convenience Food. Was Letzteres angeht, macht Dir wahrscheinlich ohnehin die Histaminintoleranz einen Strich durch die Rechnung. Fertiggerichte gehen gar nicht, schon allein weil da oft so viel Zusatzstoffe drin sind.

Plastikarm leben – eine Chance, auch bei Histaminintoleranz

Das Eindämmen von Plastikmüll birgt Vorteile, insbesondere für Betroffene von Histaminintoleranz.

  • Plastikfreie Alternativprodukte sind BPA-frei und damit hormonell nicht wirksam
  • Wer statt Fertiggerichte zu kaufen, selbst kocht (auch unterwegs – Stichwort: Meal Prep), weiß was drin ist

Christoph Schulz, der Gründer von CareElite, liefert in seinem Buch zahlreiche Tipps, wie und wo Du umdenken kannst, um bewusster mit Plastik umzugehen, das ja aus einem begrenzte Rohstoff – Erdöl – gewonnen wird. Übersichtliche Fragebögen fassen einen Teil jedes Kapitels nochmal zusammen und sorgen dafür, dass Du das „Um-die-Ecke-Gedachte“ gleich verinnerlichst. Dabei wirst Du merken, dass vieles ziemlich Oldschool ist und eigentlich nicht neu. Denn was hat denn Oma im (fast) plastikfreien Zeitalter gemacht?

Die Holzzahnbürste ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass wir mit dem plastikfreien Lebensstil einen wichtigen Schritt zurück zu unseren Wurzeln machen, um dann wieder einige feste, bewusste Schritte nach vorn zu gehen.

Weitere Ideen für Deinen Einstieg in einen bewussteren Umgang mit Plastik

  • Hast Du einen Unverpackt-Laden in Deiner Nähe?
  • Nö? Dann probier’s mal auf dem Wochenmarkt oder bei der türkischen Gemüsehandlung ums Eck.
  • Weniger wegwerfen: Wie sieht es mit Repair-Cafés aus?
  • Sag einfach Nein, wenn Dich der Barkeeper das nächste Mal fragt, ob Du zu Deinem Drink einen Strohhalm möchtest.
  • Du hast ein Smartphone? Informiere Dich über Apps wie ReplacePlastic, Refill, Regio-App und Too Good To Go.
  • Kaufe (und verkaufe) mehr second hand.

Was mir am Buch gefällt

Viele Tipps sind tatsächlich einfach umzusetzen und gehen, wie vom Autor versprochen, schnell in Fleisch und Blut über. Der clevere Kapitelaufbau sorgt für einen übersichtlichen Einstieg, ohne Dich gleich auf komplett plastikfrei bekehren zu wollen. Überhaupt, kommt das Buch prima ohne erhobenen Zeigefinger aus, sodass die Umstellung Spaß macht.

Ein Problem, das ich schon länger habe: Mülltüten ersetzen. Auch hierfür hat Christoph Schulz Ideen parat. Mit einer Faltanleitung zeigt er, wie man den Mülleimer so mit Zeitungspapier auskleiden kann, dass trotzdem nichts daneben geht. Das muss ich mal ausprobieren. Dann werde ich auch diesen Wegwerfartikel los.

Außerdem liefert Christoph Schulz praktische und umweltfreundliche Alternativen für Alltagsprodukte, von denen wir womöglich dachten, dass es sie nur aus Plastik gibt. Ja, es gibt Wasserkocher aus Borosilikatglas*. Hinzu kommen hilfreiche Apps – super für alle, die ein Smartphone haben, und es sinnvoll nutzen wollen. Richtig toll: Rezepte zum Selbermachen von Zahnpasta, Spülmittel & Co. Wow, Du kannst aus Efeu ganz einfach selbst Spüli machen!

Links zu Projekten und Organisationen, wo man sich engagieren kann, aber natürlich nicht muss, runden das Ganze ab.

Was mir nicht so gut gefällt

Ein paar Tipps im Buch verursachen mir dann aber doch Falten auf der Stirn, z. B. als Alternative zum Einwegrasierer empfiehlt der Autor neben dem Rasierhobel* noch eine Option: das Veröden der Haarwurzeln mittels Lasertherapie, ohne hierbei die Risiken einer solchen Behandlung auch nur anzudeuten.

Die Windelfrei-Methode als weitere Alternative neben den waschbaren Stoffwindeln. Das klappt wahrscheinlich nur bei Helikopter-Eltern, die rund um die Uhr zuhause sind, und ist damit alles andere als alltagstauglich. Ähnlich problematisch: Spielsachen ausleihen?! Irgendwie nicht so hygienisch, vor allem wenn man bedenkt, dass Kinder Spielsachen gerne mal in den Mund nehmen. Umgekehrt finde ich Nachbarschaftsportale, zum Beispiel zum Ausleihen von Werkzeugen, sinnvoll. Aber die Bohrmaschine nehme ich ja in aller Regel auch nicht in den Mund 😉

Zusammenfassung:

  • “Plastikfrei für Einsteiger”* von Christoph Schulz
  • Tipps zum persönlichen Eindämmen von Plastikmüll, Rezepte für Naturkosmetik und mehr
  • empf. VK-Preis: € 14,99
  • Taschenbuch, erschienen Februar 2019
  • ISBN: 978-3-86882-993-8

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Ich bedanke mich beim mvg-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.



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(c) Histamin-Pirat

Mit einfachen Alltagsritualen mehr Entspannung finden (Rezension)

Triffst Du Entscheidungen mehr aus dem Bauch heraus oder doch vorzugsweise mit dem Kopf? Kurzum: Bist Du Kopf- oder Bauchmensch? Womöglich ein bisschen von beidem. In die Kategorie 50/50 würde ich mich selbst einordnen. Ich kann recht analytisch vorgehen, etwa wenn ich Fachliteratur zum Thema Histaminintoleranz studiere. Andererseits gehen Emotionen auch mal mit mir durch. Im Alltag fällt es mir schwer abzuschalten. Wenn viel los war, dreht sich das Gedankenkarussell einfach weiter. Das kennst Du? Vielleicht schafft dieses Werk – Kopf- oder Bauchmensch hin oder her – Abhilfe.

Abschalten lernen mit Übungen, die in den Alltag passen

Sonja Panthöfer liefert mit “Entspannung für Kopfmenschen”* das nötige Handwerkszeug, um nach einem ereignisreichen Tag den ganzen Trubel hinter sich zu lassen und auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Ein Großteil des Buchs kann man jedoch querlesen, wie ich finde. Ihre Anmerkungen zu Stressauslösern und unserer achso schnelllebigen Zeit dürften für die meisten nichts Neues sein. Hier finden sich einige Allgemeinplätzchen und die Autorin bleibt mit sloganhafter Wiedergabe von Zitaten eher an der Oberfläche hängen.

Ich denke, also bin ich.

Das ist so ein Satz, mit dem René Descartes unser aufgeklärtes Denken der Neuzeit maßgeblich geprägt hat. Die Kritik von Philosophen wie Bertrand Russell ist, vielleicht sollte es “Da sind Gedanken, also ist da ein Bewusstsein” lauten. Für Panthöfer betont Descartes’ Satz, wie viel Wert wir auf das Denken an sich legen. Wir sind also eine ziemlich verkopfte Gesellschaft, nicht zuletzt weil wir weniger und weniger mit dem ganzen Körper arbeiten. Womöglich gehst auch Du einem Job überwiegend im Sitzen nach, so dass vor allem die grauen Zellen Überstunden schieben.

Die Einteilung in Kopf- und Bauchmenschen empfinde ich daher als gekünstelt. Jeder von uns hat Anteile beider. Und der Zeitgeist sorgt dafür, dass wir den Kopf mehr in den Fokus stellen als den Rest von uns.

Einen witzigen Aphorismus vom Surrealisten Francis Picabia hat die Autorin auch in ihr Werk gepackt.

Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.

Im Gegensatz zum Descartes-Zitat wird der pfiffige Satz dem Franzosen an dieser Stelle nicht explizit zugeschrieben. Streng genommen dürfte man aufschreien: Plagiat! Ja, das ist der Kopfmensch in mir, der unermüdlich kritisch arbeitet und sich damit manchmal selbst im Weg steht. Denn womit hat er es denn hier zu tun? Einer philosophischen Abschlussarbeit? Wohl kaum.

Es ist ein Ratgeberbuch zur sogenannten Selbstoptimierung (was für ein furchtbarer Ausdruck!), das zum Glück mit gewisser Leichtigkeit geschrieben ist und mir nicht dauernd irgendwelche Motive oder Eigenschaften unterstellt, wie das in der vom US-amerikanischen Pep-Talk geprägten Ratgeberliteratur sonst nur allzu oft der Fall ist.

Das macht das Lesen angenehm – ein Zitat vergessen auszuweisen hin oder her.

Warum das Buch nicht nur Freude macht, sondern auch was bringt, liegt großteils an den grau unterlegten Kästen, die mit “Alltagsritual” überschrieben sind. Wer sich gar nicht erst mit den Erklärungen wieso, weshalb, warum Stress aufhalten möchte, blättert gezielt zu diesen Übersichten, wo die Autorin einfache, aber nicht weniger effektive Übungen für den Leser bzw. die Leserin bereithält.

Im Gegensatz zum kürzlich vorgestellten Meditationsbuch, wo man sich zwar nicht stundenlang Zeit nehmen muss, aber doch so seine fünf bis zehn Minuten an einem ruhigen Ort verbringen sollte, um eine Veränderung zu spüren, funktionieren Sonja Panthöfers Übungen sofort. Du kannst direkt anfangen. Jetzt und hier und überall. An der Supermarktkasse, in der U-Bahn … egal.

Die “Alltagsrituale” kannst Du verinnerlichen und immer dann darauf zurückgreifen, wenn Du Stress aufkommen spürst. Doch auch für Situationen, in denen ein stressgewaltiges Unwetter längst über uns hereingebrochen ist, gibt es Übungen im Buch sowie Strategien, etwa zur Konfliktbewältigung.

Damit erreicht das Buch mehr als nur “mal abschalten”, sondern sorgt dafür, dass wir generell entspannter durchs Leben gehen. Vielleicht ist auch die eine oder andere Übung für Dich dabei, um Deinen Stresspegel, der ja eng mit dem Histaminpegel verknüpft ist, gar nicht erst hochschießen zu lassen.

Zusammenfassung:

  • “Entspannung für Kopfmenschen”* von Sonja Panthöfer
  • Entspannungsübungen, die sich in den Alltag integrieren lassen
  • empf. VK-Preis: € 18,00 [D], € 18,50 [AT], CHF 25,90
  • Taschenbuch, erschienen am 29.10.2018
  • ISBN: 978-3-466-34694-3

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Ich bedanke mich beim Kösel-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.



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(c) Histamin-Pirat

Einmal Meditation zum Mitnehmen, bitte (Rezension)

Kleine Verschnaufpause gefällig? Dann ist Meditation genau das Richtige für Dich. Auf dem Blog habe ich schon öfter über die Vorteile berichtet und ausgewählte Übungen vorgestellt. Doch wer sich mit dem Thema bisher noch nicht beschäftigt hat, tut sich mit dem Einstieg (genau wie ich anfangs) womöglich schwer. Schließlich geht’s dabei um mehr als nur stillzusitzen und das Gedankenkarussell zum Stillstand zu bringen.

Vielmehr dürfen und sollen die Gedanken dabei fließen. Lediglich der fiese Zensor in unserem Kopf, der sich als alter Skeptiker nur allzu gerne einschaltet, hat bei der Meditation mal Pause. Wir konzentrieren uns auf das Positive.

Meditation – klein anfangen für großes Glücksgefühl

Klingt gut, nicht? Nur übertreiben solltest Du es für den Anfang nicht. Probiere es stattdessen mit kurzen Übungen, kleinen Gedankenexperimenten. Viele davon kannst Du ganz einfach in den Alltag integrieren. “Das kleine Buch vom Meditieren”* liefert knappe Erklärungen für simple Übungen in seiner wohl schönsten Form. Und das Beste? Das gibt es im Hosentaschenformat.

Denn dieses Werk von Dr. Patrizia Collard misst gerade mal elf Zentimeter in der Breite, fünfzehn Zentimeter in der Höhe und ist nur etwas über einen Zentimeter dick. Ideal zum Mitnehmen.

Jenny Römisch verleiht dem Lesevergnügen einen wunderbar farbenfrohen Anstrich, denn nicht nur auf dem Teller, auch beim Durchblättern isst das Auge eben mit.

Schritt für Schritt gibt Dir die Autorin mit dem Buch eine Anleitung an die Hand, wie Du in die Welt des Meditierens eintauchen kannst. Die einzelnen Übungen finden sich in thematisch ausgerichteten Einzelkapiteln. Die Zielsetzung der jeweiligen Meditation schwingt dabei bereits im Kapiteltitel mit:

  • Stress abbauen und das Immunsystem stärken
  • Mut und Selbstvertrauen gewinnen
  • Den Kopf frei bekommen
  • Akzeptieren, loslassen, verändern
  • Harmonie mit der Welt und all ihren Wesen
  • Abenteuer Leben: Kreativität und Fokus

Die einzelnen Übungen werden nicht nur mit liebevollen Illustrationen untermalt, sondern sind auch gespickt mit Einblicken in die Hintergründe von Meditation, darunter zum Beispiel Infos wie:

  • Wie kam die Meditation nach Europa?
  • Welche Meditationsarten gibt es?
  • Wie und wann üben?

Das Schöne am Meditieren: Um damit zu beginnen, brauchst Du nicht viel. Ein Meditationskissen* genügt und schon kannst Du loslegen. Wer nicht gerne auf einem Kissen auf dem Boden sitzen mag oder – das einfach nicht kann, etwa weil die Knie oder der Rücken nicht mitspielen, kann auch auf einem Stuhl Platz nehmen.

Wichtig ist, für eine störungsfreie Umgebung zu sorgen. Suche Dir also einen Ort, wo es ruhig ist und Du ungestört und ohne Unterbrechungen Deinen Gedanken nachhängen kannst.

Gerade am Anfang ist das gar nicht so leicht. Wir leben in solch bewegten Zeiten, dass wir häufig ganz darauf vergessen, mal zur Ruhe zu kommen. Vielleicht nehmen wir uns auch einfach nicht die Zeit. Es gibt ja so viele andere Dinge zu erledigen. Nach der Arbeit muss Essen auf den Tisch, die Kinder (sofern Du welche hast) wollen nicht nur versorgt, sondern auch umsorgt werden. Du schaust nochmal über die Hausaufgaben. Vielleicht fährt ein Kind zum Sport oder zur Musikschule. Am Ende des Tages bleibt einfach wenig Zeit für Dich selbst.

Doch Meditation muss keine Stunden in Anspruch nehmen. Das Versprechen des Buchs: 10 Minuten am Tag reichen. Und die lassen sich freischaufeln. Jetzt, da Du das liest, hast Du womöglich etwas Zeit. Also warum wollen wir nicht direkt mal mit einer kleinen Übung starten?

Nehmen Sie ganz bewusst Ihren Atem wahr. Sie werden erkennen, dass jeder Atemzug eine Einheit für sich ist, länger oder auch kürzer, tiefer oder flacher. Nach jedem Ein- und Ausatemzug, so werden Sie mit der Zeit feststellen, entsteht eine kurze Pause, bevor “die nächste Runde” beginnt. Bleiben Sie bei Ihrem Atem, bis sich eine gewisse Ruhe in Ihnen eingestellt hat.

Nun wird es Zeit, auch den Körper aufmerksam zu beobachten. Haben Sie irgendwo starke Empfindungen?

Bei Verspannungen oder Schmerzen kann es helfen, sich vorzustellen, den Atem an diese Stelle zu lenken. Natürlich geht die frische Luft in die Lungen und die verbrauchte wird nachher wieder ausgeatmet, aber wenn Du so ruhig und bedacht atmest, wirst Du spüren, wie der Atem “Wellen schlägt”. Wie ein Stein, den man in einen See wirft, der dann konzentrische Kreise auf dem Wasser formt.

Konzentrierst Du Dich auf die verspannte oder schmerzende Körperstelle kannst Du die “Atemwellen” genauso an diese Stelle lenken.

Schauen Sie sich jetzt ganz bewusst Ihre Gedanken an […].

Natürlich können Gedanken negativ, neutral oder positiv sein. Aber egal, welcher Spart sie angehören, Sie sehen sie sich in dieser Meditation nur kurz an und benennen sie.

Folgende Bilder haben sich dabei als hilfreich erwiesen:

  • Sie sehen die Gedanken wie Wolken am Himmel.

Und auch die Gedanken lässt Du wie Wolken vorüberziehen. Wenn Du möchtest, kannst Du den “Gedankenwolken” Namen geben. Da sind dann Grübelgedanken, Tagträume oder auch Einkaufslisten.

  • Sie stehen auf einer Brücke und schauen auf einen kleinen Fuss hinunter, auf dem bunte Blätter schwimmen. Auf einigen dieser Blätter sehen Sie Ihre Gedanken geschrieben. Sie können sie lesen und registrieren, aber schon bald ist das Blatt unter der Brücke verschwunden.
  • Sie stehen auf einem Bahnsteig. Ein Zug rast vorbei. Sie sehen die Wagons und auf jedem steht einer Ihrer Gedanken geschrieben. Sie erkennen, um was es geht, aber lassen Ihre Gedanken einfach vorüberziehen.

Diese kleine Übung hilft dabei, quälende Gedanken auch mal sein zu lassen oder sie im Kopf zu sortieren. Welche davon sind wirklich wichtig? Eine Weisheit trifft die Sache im Kern:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Wie ist es Dir mit dieser Übung ergangen? Bist Du neugierig darauf geworden, was das Buch noch so zu bieten hat, dann findest Du hier die “Hard Facts” nochmal im Überblick.

Zusammenfassung:

  • “Das kleine Buch vom Meditieren”* von Dr. Patrizia Collard, mit Illustrationen von Jenny Römisch
  • 271 Seiten, Taschenbuch
  • Einführung zum Thema Meditation: gut verständlich, leicht umsetzbar und – schön
  • empf. VK-Preis: € 8,99 [D], € 9,30 [AT], CHF 12,90
  • Taschenbuch, erschienen am 12.10.2018
  • ISBN: 978-3-453-70359-9

Ich bedanke mich bei Heyne für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.


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(c) Histamin-Pirat

Ist personalisierte Medizin auch persönlicher? (Rezension)

Ich erinnere mich an einen Film mit Matthias Schweighöfer und August Diehl, „Frau Ella“*, der sich eigentlich (wie so oft) um die Liebe dreht, aber ganz nebenbei ein anderes Thema anreißt. Das von der Arzt-Patient*innen-Beziehung. Matthias Schweighöfer mimt im tragikomischen Roadmovie den Medizinstudenten Sascha, der sich mit Taxifahren seinen Lebensunterhalt verdient. Einmal abgelenkt am Steuer, baut er einen Unfall und landet prompt neben Ella Freitag, bald liebevoll „Frau Ella“ genannt, im Krankenhaus. Sascha hatte Glück im Unglück und für Frau Ella wird er zum unerwarteten Schutzengel. Die alte Dame steht vor einem größeren Eingriff, dessen Risiko-Nutzen-Rechnung jedoch in Anbetracht des fortgeschrittenen Alters der Dame und aufgrund ihres Herzleidens wohl kaum aufgehen wird. Mit diesem medizinischen Hintergrundwissen und nach einem Erklär-Crashkurs für Frau Ella ist die Entführung aus dem Krankenhaus beschlossene Sache. Ein Medizinstudent mit einer betagten Dame im Schlepptau – so das Sprungbrett für die weitere Handlung. Am besten schaust du selbst mal rein.

Von Frau Ella zu ELGA

Ich bleibe heute fürs Erste jedoch genau dort stehen. Am Punkt, als Sascha in Ella Freitags Behandlungsplan eingreift und sie schließlich entführt. Die Patientin hat nicht verstanden, welche Risiken auf sie zukommen, wofür die Operation eigentlich gut ist oder ob sie wirklich notwendig ist. Man möchte meinen, das kommt eher selten vor. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich trauen sich viele Patient*innen nicht, den behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin nach solchen Dingen zu fragen oder sie (vor allem ältere Menschen) möchten dem ohnehin gestressten Fachpersonal mit solchen Fragen nicht zur Last fallen oder sie wissen ganz einfach nicht, wonach sie fragen sollen.

Eng gestrickte Zeitfenster, scheinbar unter dem Deckmantel der Kostenoptimierung, sind hauptverantwortlich für die fehlende oder misslungene Kommunikation zwischen Arzt/Ärztin und Patient/Patientin. Es fehlt ganz einfach die Zeit dazu, unter anderem weil Ärzte und Ärztinnen immer mehr mit bürokratischen Aufgaben betraut werden, die sie zwischen Visite und Anamnese auch noch erledigen müssen. Moderne Technologien sollen ihnen die Arbeit erleichtern. Checklisten und Protokolle sollen helfen, Kosten zu minimieren und Standards zu garantieren. Doch ist dem wirklich so?

Kann man damit wirklich Geld sparen oder kommt es durch mangelnde Face-to-Face-Kommunikation zu Fehlmedikation und anderen Behandlungsfehlern, also zu Mehrkosten? Wie persönlich ist unsere Medizin noch?

„Personalisierte Medizin“ – das ist so ein Trendbegriff. Vielleicht ist er nicht in aller Munde, aber im medizinischen Bereich durchaus en vogue. Zahlreiche Kongresse und Symposien widmen sich der Digitalisierung in der Medizin. Im selben Atemzug fällt dann gerne auch der Begriff der personalisierten Medizin. Doch was ist das eigentlich? Und ist es wirklich dasselbe? Welche Bedeutung haben diese Trends für den Patienten?

ELGA, kurz für elektronische Gesundheitsakte, sammelt in Österreich digital Patienteninformation, etwa zu verschriebenen Medikamenten, die von Ärzt*innen und Patient*innen eingesehen werden können. Die vernetzte Datenbank ELGA ist damit ein Tool der digitalen Medizin. Hierzu gehören aber auch andere Technologien des digitalen Zeitalters vom digitalen Röntgen bis hin zu computerassistierten Operationen. So weit, so gut.

Doch machen solche Maßnahmen das Zusammentreffen von Arzt/Ärztin und Patient/Patientin auch persönlicher? Jeder, der einen am Smartphone klebenden Teenager zuhause hat, ist versucht zu sagen: Wohl eher nicht. Obwohl ständig in den sozialen Netzwerken unterwegs, wirkt der Nachwuchs irgendwie abwesend statt in Kontakt mit der Welt. Machen uns Technologien also nur abhängiger statt umgänglicher?

Personalisierte und digitale Medizin – ein Widerspruch?

Barbara Prainsack, Politikwissenschaftlerin mit medizinischem Background, hat dieser und anderen Fragen ein ganzes Buch gewidmet, das sich mit Problemstellungen moderner Bioethik befasst. „Personalized Medicine. Empowered Patients in the 21st Century?“* ist ein wissenschaftliches Buch, das jedoch so verständlich (aber auf englisch) geschrieben ist, dass es kaum Vorwissen voraussetzt. Ein gewisses Interesse für den Stoff sollte man als Leser oder Leserin dennoch mitbringen. Mit diesem Rüstzeug kann man sich auf einen wissenschaftlichen Exkurs freuen, der die Digitalisierung der Medizin mal aus einem ganz anderen Blickwinkel als nur dem der Technologie betrachtet.

Und das ist wichtig. Denn wie Cornel West zu sagen pflegt: „Die Handys können smart sein; doch wir sollten weise sein.“ Wann immer neue Technologien auftauchen, müssen wir uns daher einen Kopf darum machen, wie sie unser Leben und in weiterer Folge unsere Gesellschaft verändern. Personalisierte Medizin ist im Rahmen der medizinischen Digitalisierung zum „Buzzword“ geworden und meint in diesem Zusammenhang sowas wie maßgeschneiderte Medizin, weil sie auf individuelle Vorbedingungen einzugehen scheint. Vor einer Krebstherapie kann anhand spezieller Marker festgestellt werden, ob das Medikament auf den Tumor wirken wird oder nicht. Personalisierte Medizin setzt darüber hinaus auf das aktive Mitwirken des Patienten bzw. der Patientin, was oft als Stärkung der Patient*innenrechte oder als Aktivierung der Patient*innen besprochen wird. Beispielsweise erlauben spezielle Tools durch das Mitwirken von Menschen die Früherkennung von Krankheiten oder das schnelle Handeln im Notfall und können so zur Prophylaxe oder zur raschen Intervention beitragen, etwa indem ein Fitnessband zur Messung der Herzfrequenz getragen wird. Digitale Datenbanken fassen alle verschriebenen Medikamente an einem Ort zusammen und geben auf einen Blick frei, welche Vorerkrankungen vorliegen.

Elaborierte Gentests errechnen die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Krankheiten. Firmen wie 23andMe basieren ihr Geschäft darauf, solche Gentests anzubieten. Gegen einen Obolus und die Übermittlung des eigenen Genmaterials erhält man Auskunft über mögliche Krankheitsrisiken und Wahrscheinlichkeiten von Medikamentenverträglichkeit. Doch es handelt sich dabei eben nur um Tendenzen, keine in Stein gemeißelten Fakten. Denn die Gene mögen, metaphorisch gesprochen, zwar die Kugel in den Lauf legen, doch diverse Umwelteinflüsse entscheiden schließlich, ob der Abzug auch gedrückt wird. Aber nicht zuletzt wegen etwaiger Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Ausprägungen des MTHFR-Gens und Histaminintoleranz und Mastzellaktivierungserkrankungen erlangen solche Tests Aufschwung. Die Gefahr ist groß, dass man sich mit etwaig angebenden Normabweichungen am Ende nur verrückt macht.

Also wie persönlich sind solche Maßnahmen? Wie aktiv sind wir als Patient*innen tatsächlich in den medizinischen Prozess eingebunden? Die Idee personalisierter Medizin ist an sich so alt wie die Disziplin selbst. Schließlich musste das medizinische Personal schon immer nach individuellen Symptomen fragen, den Kranken oder die Kranke persönlich in Augenschein nehmen und schließlich eine passende Diagnose stellen.

Online-Plattformen zur Einsicht der verordneten Medikamente und andere Maßnahmen sollen Patient*innen mehr Kontrolle geben. Doch wie viel Macht erhalten sie wirklich? Und handelt es sich tatsächlich um eine Stärkung der eigenen Rechte, wenn die Mitwirkung an der Digitalisierung zum Zwang wird? Viele Maßnahmen laufen am Ende nur darauf hinaus, Kosten im medizinischen Sektor zu senken – und dazu gibt es die schöne Rhetorik über aktive Mitarbeit.

Doch in Bezug auf neue Technologien zur Selbstoptimierung, allen voran durch freiwillige Selbstüberwachung durch Fitnessbänder, erhalten wir zwar Informationen über gelaufene Schritte, Herzfrequenz etc., doch welche Infos kommen am anderen Ende der Datenübermittlung, also beim Hersteller, an? Und was geschieht dort damit? Darauf haben wir keinen Einfluss. Wir können der Datenübermittlung zustimmen und das Gadget nutzen oder eben nicht.

As digital surveillance becomes less invasive and less intrusive […], the ways in which people contribute to the personalization of their health care becomes more passive. Patients become data transmitters who typically have very little influence over what data are collected from them and how they are used. (S. 73)

Hinzu kommt der Suchtfaktor solcher Geräte und auf der anderen Seite die Abhängigkeit, etwa wenn medizinisches Personal elektronischen Alarmsignalen mehr vertraut als der eigenen Erfahrung. Barbara Prainsack macht mit dem digitalisierten Trend der Selbstoptimierung durch Fitnessbänder und andere Geräte ein weiteres Problem ausfindig: die Schuldfrage. In Zeiten, in denen solche „Hilfsmittel“ relativ erschwinglich zu haben sind, das Netz voll von Informationen rund um „gesunde Ernährung“ ist usw., liegt es nahe, Kranke für ihr Gesundheitsdefizit persönlich verantwortlich zu machen. Hättest du nur mehr Sport getrieben oder besser gegessen! Völlig außer Acht gelassen werden dabei systemische Probleme, die unabhängig von individuellen Bewegungs- und Essvorlieben für gesundheitliche Beschwerden sorgen können.

Today, individuals are increasingly being called upon – and are calling upon themselves – to enhance themselves, by eating the right food, by keeping fit, or by taking genetic tests to determine disease ceptibilities or potential genetic issues of their unborn. (S. 84)
The stigmatization of obesity is an instructive example of the relationship between medical evidence, societal truth, and personal practices. […] [P]roblems that are associated with higher body mass […] include diseases such as diabetes, coronary heart disease, and respiratory problems. But this is not the whole story. […] Instead, he [scientist Eric Oliver] argues, obesity is mostly correlated with health problems because in America, poor and ill people are likely to have higher body mass. Moreover, that people eat a lot and exercise little […] is a manifestation of America’s consumer culture. As long as politics and culture will not change, overeating will not go away. (S. 85)
This prioritization of data-driven science and „new public health“ […] strategies aiming at behavior changem at the cost of more investment into improving the social determinants of health, is a reflection of a political economy where the failures and losses of corporate actors are collectivized – think bank bailouts with public money – while the supposed failures and mistakes of citizens are individualized. (S. 87)

Ein ganz anderes Problem ist in Bezug auf Histaminintoleranz interessant. Das Problem der Biomarker. Bereits in der Rezension von Anne Hilds und Annelie Scheuernstuhls Buch habe ich das Thema kurz angerissen. Damals ging es um zu hohe Cholesterinwerte, die durchaus ein Alarmsignal für einige Krankheiten sind – also ein Biomarker – jedoch nicht die Krankheit selbst ausmachen. Daher müsste man dem Grund für die erhöhten Cholesterinwerte aufspüren und nicht einfach das Cholesterin künstlich mit Statinen niedrig halten.

Doch Biomarker sind beliebt, vor allem wenn man sie in Zahlen ausdrücken kann. Sie gaukeln eine gewisse Verlässlichkeit vor. Wie in der Mathematik. 1 + 1 = 2. Sie sorgen außerdem dafür, dass wir Patient*innengespräche kurz halten und so Kosten senken können. Statt lange Gespräche zu führen, wird ein schneller Test gemacht.

In many instances, biomarkers have replaced other clinical parameters, especially nonquantified, narrative, or palpable characteristics and variables that reflect a patient’s functioning and wellbeing. (S. 97)

Solange es keinen anerkannten oder verlässlichen Test zur Diagnose von Histaminintoleranz gibt, der uns klare Zahlen für ja oder nein ausspuckt, wird die Krankheit weiterhin so umstritten sein wie in diesem Zeit-Artikel. Patient*innen werden daher mitunter immer noch nicht ernst genommen, selbst wenn sie beispielsweise ein minutiös geführtes Ernährungs- und Symptomtagebuch vorweisen können, aus dem hervorgeht, dass zwischen den Beschwerden, bestimmtem Essen und Stress ein Zusammenhang besteht, dem nachzugehen wäre.

Mit Doktor Google auf dem Vormarsch sind es aber auch Ärzte und Ärztinnen, die um ihre Position fürchten oder schlichtweg zu viel Unfug im Netz gesehen haben und daher wie allergisch auf besserwisserische Patient*innen reagieren. Trotzdem müssen wir insbesondere in Zeiten digitaler Medizin Wege finden, Patient*innen aktiv einzubinden.

This would require that we take patients seriously as contributors of information and knowledge for personalization, and that we find ways to systematically include their knowledge, values and preferences into our „tapestries of health data“ […]. (S. 154)

Barbara Prainsack schlägt daher unter anderem vor, sowas wie „soziale Biomarker“ einzuführen. Damit ist eine Leerstelle gemeint, die Patient*innen mit ihren Wünschen, Vorlieben und Kenntnissen füllen können, um ihre Gesundheitsversorgung zu personalisieren und zu optimieren.

[…] [W]e need more human touch and more emphasis on personal and collective meaning, not just better algorithms. (S. 157)

Ein interessantes Beispiel für die Verquickung von digitaler und personalisierter Medizin mit dem Patienten bzw. der Patientin im Mittelpunkt liefert die Autorin ab Seite 167: die niederländische Plattform Mijnzorgnet.nl, die Patient*innen nicht nur Zugriff auf ihre Patient*innenakte erlaubt, sondern auch ein Forum zur Diskussion bietet sowie die Möglichkeit bereitstellt, eigene Gesundheitsdaten zu ergänzen.

In jedem Fall muss es dem medizinisches Fachpersonal genau wie dem Patienten bzw. der Patientin möglich sein, den Computer zu überstimmen. Die Technologie soll die Behandlung unterstützen, jedoch nicht dominieren oder an sich reißen. Das heißt auch, dass wir uns vom Zahlenfetisch befreien müssen und einander als Menschen auch in der medizinischen Praxis vermehrt zuhören müssen statt nach Schema F zu arbeiten. Neue Technologien zur Diagnose und Behandlung sowie riesige Computer, die selbst enorme Datenmengen rasch verarbeiten können, sind nur dann eine Bereicherung in der medizinischen Praxis, wenn wir richtig damit umgehen. Sie können jahrelange medizinische Expertise nicht ersetzen, nur unterstützen.

Zusammenfassung:

  • Personalized Medicine. Empowered Patients in the 21st Century?“* von Barbara Prainsack
  • 271 Seiten, Taschenbuch
  • wissenschaftliches Werk zu bioethischen Fragen in Zeiten digitaler Medizin
  • Wie kann personalisierte Medizin in Zukunft aussehen?
  • Chancen und Risiken neuer Technologien im Fokus
  • 26,30 Euro, erschienen bei New York University Press

Ich bedanke mich bei Frau Prainsack für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

Natürlich gesund: Was hält die Natur-Apotheke für uns bereit? (Rezension)

Ich mache Zahnpasta selbst und achte darauf, jede Menge natürliche Helferlein, die den Histaminabbau ankurbeln oder die Histaminausschüttung vermindern, in den Speiseplan zu integrieren. Doch die „Kräuter-Liesel“ kann mir bestimmt noch mehr beibringen.

Liesel Malm ist die Kräuter-Liesel

Die begeisterte Kräuterfrau wurde 1933 geboren und lebt im Westerwald. Im Jahr 1985 bringt eine Krebsdiagnose ihr Leben durcheinander. Obwohl sie nie wirklich richtig ungesund gelebt hat, entscheidet sie sich, ein paar grundlegende Veränderungen der Gesundheit zuliebe vorzunehmen. Sie hat zwar, genau wie ich, nie viel Fleisch gegessen. Doch ab sofort ernährt sie sich konsequent ovolakto-vegetarisch – sie verzichtet ganz auf Fleisch, isst aber weiterhin Milchprodukte sowie Eier. Ihre vegetarische Vollwertkost ist zudem großteils frisch.

Außerdem setzt sie auf Vollkornprodukte. Die enthalten schließlich viele Ballaststoffe, was für eine gute Darmbeweglichkeit sorgt. Bei HIT und verwandten Problemen wie Reizdarm-Syndrom können Vollkornprodukte zuweilen Probleme machen. Denn neben Ballaststoffen enthält das volle Korn mit Schale auch natürliche Pflanzenabwehrstoffe, die bei empfindlichen Personen Beschwerden machen können. Ich habe hier schon einmal darüber geschrieben.

Reinschnuppern in die Natur-Apotheke

Beim Reinlesen fällt sofort die leicht verständliche und vielleicht auch etwas anachronistische Schreibweise der Kräuter-Liesel auf. Sie schreibt zum Beispiel nicht von so neumodischen Trends wie „Detox-Tee“. Stattdessen erfahren wir von einer „Kur mit Ausschwemmtee“. Vor allem jungen Menschen legt sie eine Fastenwoche nahe, bei der viel getrunken und weniger gegessen wird. Der beste Zeitpunkt zum Fasten ist laut Liesel Malm die Zeit des abnehmenden Mondes, „denn wenn er zunimmt, kann man nicht abnehmen.“ Klingt einleuchtend.

Doch nicht alles, was Liesel Malm aus ihren Notizbüchern im Buch „Die Natur-Apotheke“* zusammengetragen hat, kommt so einleuchtend daher. So schreibt sie auf S. 35:

Medizinische Untersuchungen haben gezeigt, dass Brennnesselpräparate allergische Symptome im Nasenbereich beseitigen können.

Leider fehlt der Verweis auf die angesprochenen „medizinischen Untersuchungen“. Im Gegenzug ist mir eine groß angelegte Vergleichsstudie 1 bekannt, die für den Zeitraum zwischen 1980 und 2003 alternativmedizinische Ansätze in Studien zu Allergien, Asthma und anderen immunologischen Problemen vergleicht, in der explizit auch die Brennnessel erwähnt wird, die eher negative Effekte haben soll. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass in Brennnesseln Histamin enthalten ist.

Umgekehrt berichtet die folgende Studie 2 davon, wie ein Brennnesselextrakt als H1-Antihistaminikum wirkt und die Mastzellen stabilisiert und so die Histaminausschüttung verhindern kann. Tatsächlich scheiden sich auch unter den Histaminern die Geister, ob Brennnesseltee gut oder schlecht ist. Wie so oft, ist dies womöglich nur individuell auszutesten.

Ein für viele jedoch bereits bekanntes Helferlein ist die Zistrose. Aus Kraut und Blüten wird ein Tee gebrüht, der nicht nur bei Allergien und Neurodermitis wirksam sein soll, sondern meines Wissens nach auch bei HIT.

Hinzu kommen weitere Gartenbewohner, von denen ich mitunter noch nicht gehört habe. Einer davon ist Jiaogulan, eine Rankpflanze, die unter anderem gegen freie Radikale wirken und damit auch für die Krebsbehandlung von Interesse sein soll.

Doch natürlich deckt das Buch weitaus mehr als Krebserkrankungen und Allergien in der Natur-Apotheke ab. Ein interessanter Hinweis, auch für die oft psychisch geplagten Histaminer, ist, magnesium- und kaliumreiche Kost zu sich zu nehmen. Als Beispiele führt die Kräuter-Liesel Portulak, Giersch und Thymian auf S. 47 an.

Umstritten dürften hingegen wiederum die Ausführungen auf S. 60 zur transdermalen Magnesiumaufnahme sein. Ob das sogenannte Magnesiumöl, das eigentlich ein mit Magnesium angereichertes Wasser ist, über die Haut aufgenommen werden kann, wird nach wie vor heiß diskutiert.

Ein weiteres interessantes Thema, das die Autorin in ihrem Buch aufgreift, ist Milchsäure. Speziell in der alternativmedizinischen Krebstherapie kommen rechtsdrehende Milchsäurebakterien seit einiger Zeit zum Einsatz. Kürzlich erreichte mich eine Mail einer Leserin zum Thema Joghurt. Sie beschrieb, wie sie Quark bzw. Topfen und andere gereifte Milchprodukte zwar vertrage, solange sie Bioprodukte kaufe, jedoch mache ihr Joghurt nach wie vor Probleme. Als möglichen Grund stieß ich das Thema der Bakterienstämme an. Denn so sehr Milchsäurebakterien oft als „gut für den Darm“ über einen Kamm geschert werden, gibt es hier doch Unterschiede. Auch in Bezug auf HIT sollte den rechtsdrehenden Kulturen der Vorrang gegeben werden. So gelten die überwiegend linksdrehenden Kulturen Streptococcus thermophilus und Lactobacillus bulgaricus beispielsweise als problematisch bei HIT, während die meist rechtsdrehenden Kulturen Lactobacillus acidophilus sowie Bifidostämme gemeinhin besser vertragen werden.

Und wo wir gerade bei Bakterienstämmen sind, können wir auch gleich über andere – ungewollte – Darmbewohner, also Parasiten sprechen. Denn auch diesem Thema widmet die Kräuter-Liesel ein Kapitel, wo sie unter anderem über Kubebenpfeffer sowie Cranberry-Muttersaft schreibt, um natürlich gegen die Eindringlinge vorzugehen.

Dass es sich bei ihrem Buch jedoch, ähnlich wie bei meinem eigenen Blog, um ein ideengebendes Medium, keineswegs eine Fachpublikation handelt, zeigt sich nicht nur daran, dass es kein Quellenverzeichnis gibt, sondern auch an Pauschalaussagen, wie in dieser Einleitung zum Thema Wechseljahresbeschwerden auf S. 232:

Wenn eine Frau in die Wechseljahre kommt, produziert der Körper weniger Östrogen und stellt langsam, aber sicher die Produktion ganz ein.

Dabei wissen wir längst, nicht zuletzt aufgrund des informativen Gesprächs mit Frau Dr. Scheuernstuhl, dass es vor allem der nicht-lineare Rückgang der Hormonproduktion ist, der für die sogenannten Wechseljahresbeschwerden sorgt. Soll heißen: Hitzewallungen und andere Probleme sind meist dadurch bedingt, dass die Progesteronproduktion schneller abnimmt als die Östrogenproduktion – und umgekehrt. Es geht also um das Verhältnis der verschiedenen sogenannten Sexualhormone zueinander, nicht nur um den bloßen Rückgang. Tatsächlich soll es Frauen geben, die relativ beschwerdefrei durch den Wechsel kommen – weil Progesteron und Östrogene recht synchron zueinander rückläufig in der Produktion werden.

Vor allem bei HIT ist daher ein gut ausgebildeter und engagierter Heilpraktiker gefragt, wenn alternativmedizinisch interveniert werden soll. Doch wer lediglich einmal in die bunte Welt der Kräuter hineinschnuppern möchte, findet bei der Kräuter-Liesel einfache Anregungen, auch dafür, was vielleicht in der nächsten Saison noch im Garten ausgesät werden könnte. Ein besonderer Leckerbissen sind diese entspannenden Betthupferln – Lavendel-Einschlafkekse:

Zusammenfassung:

  • Die Natur-Apotheke“* von Liesel Malm
  • 304 Seiten, Hardcover
  • Rezepte und Tipps im Umgang mit Heilkräutern
  • einfache Einführung / Überblickswerk
  • leider kein Quellenverzeichnis mit den genannten Studien vorhanden
  • 14,99 Euro, erschienen im Bassermann Verlag

Ich bedanke mich beim Bassermann Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von der Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

Vegetarisch mit Liebe – von A bis Z (Rezension mit Rezept)

Vor allem Menschen, die sich vegetarisch oder gar vegan ernähren, stehen mit der Diagnose Histaminintoleranz meist vor einem Problem, das gesunde Menschen ganz einfach umschiffen können: Protein. Denn wer auf Fleisch verzichtet, muss sein Eiweiß aus anderen Quellen beziehen. Die Natur offeriert uns zum Glück zahlreiche Optionen: Samen, Kerne, Nüsse und auch Hülsenfrüchte sind richtige Proteinbomben. Da wäre nur ein Problem: Wer Histaminintoleranz hat, verträgt vor allem Nüsse und Hülsenfrüchte meist nur eingeschränkt. Das hat auch der Histaminer hier am eigenen Leib erfahren.

Histaminintoleranz ohne Fleisch – das geht, aber …

Grundsätzlich ist die vegetarische und auch vegane Ernährung mit Histaminintoleranz möglich. Man muss nur wissen, was man tut, und braucht vor allem Disziplin. Schließlich schränkst Du Deinen ohnehin eingeschränkten Speiseplan freiwillig weiter ein. Als kleiner Bonus: Zu viel Fleisch, vor allem verarbeitete Fleischwaren wie Wurst, ist ohnehin nicht gesund. Ja, Wurstwaren stehen laut WHO sogar im Verdacht, Krebs zu verursachen. Weil Fleisch zudem Entzündungsprozesse im Körper begünstigen kann, haben wir unseren Fleischkonsum auf ein Minimum reduziert.

Wer jedoch ganz darauf verzichtet, sollte für ausreichend Abwechslung sorgen, um genug Vitamin A, Eisen etc. zu bekommen. Denn pflanzliche Lebensmittel enthalten lediglich die Vorstufe von Vitamin A, Beta-Carotin, welche der Körper zunächst umwandeln muss. Dazu macht es im Fall von Karotten zum Beispiel mehr Sinn, die Möhrchen gekocht statt roh zu essen. Deine Eisenaufnahme kannst Du durch den gleichzeitigen Verzehr von Vitamin-C-haltigen Speisen verbessern. Aber wer achtet auf all das – immer?

Um regelmäßige Check-ups kommt man eigentlich auch als “normaler” Vegetarier und Veganer nicht herum. Doch vor allem für “Histaminer” ohne Fleisch gilt es, die B-Vitamin-Versorgung (insbesondere Vitamin B6 und B12) regelmäßig überprüfen zu lassen. Aber auch Eisen (Serum-Ferritin) wird beim Erstellen eines großen Blutbilds meist gleich mit überprüft. In Einzelfällen kann es Sinn machen, weitere Werte in Bezug auf die Nährstoffversorgung zu checken.

Als “Pflanzenfresser” sinnvoll ersetzen bei Histaminintoleranz

Was das Thema Protein angeht, fallen ein paar Veggie-Favoriten bei HIT in der Regel weg, darunter:

  • Walnüsse
  • Sonnenblumenkerne
  • Erdnuss
  • Erdmandel

Einige davon enthalten entweder selbst recht viel Histamin oder wirken als Liberator. Kommen bei Dir Allergien hinzu, wird die Liste womöglich noch länger.

Ansonsten bleiben aber ein paar nussige Alternativen. Cashewkerne und Mandeln, Haselnüsse und Pinienkerne, die zwar im Übermaß auch Bauchweh machen können, gehen als kleine Zugabe zum Salat meist dennoch ganz gut. Noch besser sind zum Beispiel diese veganen Zutaten mit Biss:

  • Hanfsamen
  • Pistazie
  • Macadamia
  • Kokosnuss
  • Kürbiskerne

Doch wie sieht es nun in Sachen Hülsenfrüchte aus? Haben wir anfangs ganz auf Hülsenfrüchte verzichtet, sind mittlerweile wieder welche auf dem Speiseplan. Doch welche? Als kleine Faustregel habe ich folgende Formel entwickelt: Was auch roh bedenkenlos gegessen werden kann, geht auch bei HIT ganz gut. Tatsächlich sind es nämlich vornehmlich die Pflanzenabwehrstoffe, die es erfordern, dass man Linsen, Kichererbsen & Co zunächst mal kochen muss, damit sie – auch von gesunden Menschen – vertragen werden. Die Hülsenfrüchte, die Gesunde aber auch so essen können, Erbsen zum Beispiel, enthalten weniger von diesen Stoffen. Daher sind sie für Histaminer durchaus Kandidaten für den Speiseplan.

Tipp: Auch Sprossen sind in aller Regel verträglicher als die Hülsenfrüchte an sich. Hast Du schon ein Keimglas* oder ein Sprossenhaus*?

Wie immer bei HIT und auch im Fall der Hülsenfrüchte gilt: Verbanne nichts vom Speiseplan, was Dir in Maßen eigentlich guttut. Beispiel für so ein Lebensmittel in der “Grauzone” gefällig? Zitrone. Das enthaltene Vitamin C unterstützt den Histaminabbau (und die Eisenaufnahme, s. o.). Dennoch gelten Zitrusfrüchte als Liberator, d. h. Dein Körper wird angeregt, sein eigenes Histamin aus den speichernden Mastzellen ins Blut abzugeben. Bei Zitronen und anderen Liberatoren kommt es entscheidend auf die Menge an, die das Ganze zum Gift oder zur Medizin macht.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf habe ich mich durch “Vegetarisch mit Liebe“* geblättert, natürlich auf der Suche nach etwas Leckerem auf Pflanzenbasis, das auch dem Histaminer bekommt.

Ein vegetarisches Kochbuch von A bis Z

Als ich das Kochbuch im Programm vom Südwest-Verlag entdeckt habe, hat mich zunächst der Titel “Vegetarisch mit Liebe“* angelacht. Dass ich es zur Rezension haben wollte, war dem Umstand geschuldet, dass es ganz anders aufgebaut ist, als jedes andere Kochbuch, das ich kenne: Das Buch geht einfach Zutaten von A wie Apfel bis Z wie Zucchini durch und liefert somit alphabetische Kücheninspiration. Du kannst also einfach bei Deinem Lieblingsobst oder -gemüse schmökern und findest bestimmt was Schmackhaftes.

Bis mich ein Rezept angesprungen hat, habe ich gar nicht lange blättern müssen. Unter B finden wir “Blumenkohlcurry mit gebratenem Reis”.

Schaut man sich die Zutatenliste an, wird schnell klar: Hier müssen wir nochmal Hand anlegen. Denn enthalten sind unter anderem Kichererbsen, Rosinen und jede Menge Gewürze – Curry eben. Doch das soll den Histamin-Piraten bekanntermaßen nicht aufhalten. Der kapert die Sache schon für sich!

Blumenkohlcurry mit gebratenem Reis

Zubereitungszeit:

ca. 1 Stunde

Schwierigkeit:

normal

Zutaten für 3-4 Personen:

  • 1/2 Kopf Blumenkohl/Karfiol
  • etwas Öl zum Braten, z. B. Kokos- oder Olivenöl
  • 1 rote Zwiebel (Vorsicht bei Salicylatintoleranz)
  • 1 kl. Tasse Basmati-Reis, Wasser, Butter/Öl und Salz zum Kochen
  • 60 g Cashewkerne
  • 100 g Erbsen (tiefgekühlt)
  • 3 Karotten
  • optional: 2 Frühlingszwiebeln, in Ringe geschnitten (Vorsicht bei Salicylatintoleranz)
  • 1/2 kl. Dose Kokosmilch (ohne Bindemittel!)*
  • Saft von 1/2 Limette
  • 2 EL gehackte Minze, frisch
  • ein paar Chilifäden*
  • 1 Pr. Kurkuma
  • 1 Pr. Kreuzkümmel
  • 1 Pr. getrocknetes Zitronengras
  • Salz & Pfeffer nach Geschmack

Erfrischende Joghurt-Sauce

  • 1 Becher Joghurt (4 % Fett)
  • Saft von 1/2 Limette
  • Msp. Kardamom
  • Salz & Pfeffer nach Geschmack

Zubereitung:

Reis gründlich durch ein Sieb* abspülen. In gesalzenem Wasser kochen. Kurz bevor der Reis fertig ist, ein bisschen Butter oder Öl unterrühren.

Für die Sauce alle Zutaten in einer Müslischüssel verrühren und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Bis zum Servieren in den Kühlschrank stellen.

Blumenkohlhälfte in Röschen zerteilen und gründlich abspülen. Karotten abspülen, schälen und in kleine Scheiben schneiden. Zwiebel schälen und würfeln. Öl in einer tiefen Pfanne erhitzen. Gemüse ca. 5 Minuten dünsten, bis der Blumenkohl hellbraun ist.

Cashewkerne und Erbsen zugeben und ca. 5 Minuten weiterbraten, bis die Cashews hellbraun sind.

Frühlingszwiebelringe und Gewürze zugeben. Kurz mitbraten, bis die Gewürze duften. Die Hitze reduzieren und Kokosmilch einrühren. Dann Limettensaft und noch etwas Salz zugeben. Den Reis einarbeiten. Minze unterheben. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit der Sauce servieren.

Tipp:

Du kannst, wie immer bei Curry, beim Gemüse variieren. Was hat denn gerade sonst noch so Saison? Mit einem Curry-Grundrezept sorgst Du auf diese Weise für Abwechslung auf dem Tisch.

Ich habe die Gewürze teils geändert und vor allem stark in der Menge reduziert. Falls Du Kurkuma, Kreuzkümmel & Co besser als der Histaminer verträgst, kannst Du hier ruhig noch etwas nachwürzen.

Statt der im Rezept angegeben Chiliflocken habe ich Chilifäden* verwendet. Die sind weniger scharf und bringen trotzdem milde Würze ins Gericht. Probier’s mal aus!

Zusammenfassung:

Vor allem Histaminer finden ein Kochbuch, das alphabetisch nach Zutaten sortiert ist, sicher ganz praktisch.So ist es jedenfalls mir ergangen. Neben dem Blumenkohlcurry gibt es noch eine Reihe anderer Rezepte im Buch, die sich leicht auf histaminarm trimmen lassen und meist schon glutenfrei sind. Die bunte Sammlung vegetarischer Köstlichkeiten geht übrigens auf den Blog “Love and Lemons” zurück, den ich vor der Lektüre noch nicht kannte. Nicht nur das Buch, auch die Website sieht vielsprechend aus.

Neben der cleveren Aufteilung gefällt mir am Buch vor allem die Abteilung mit den Basics am Schluss. Hier gibt es unter anderem ein Smoothie- und ein Pesto-Grundrezept, mit dem man weiterarbeiten kann.

Das schöne Hardcover macht aufgrund der praktischen Aufteilung, aber auch wegen der appetitlich angerichteten Speisen auf den Bildern richtig Lust auf kochen. Vielleicht magst Du ja auch mal hineinschnuppern? Hier sind die Fakten:

  • Vegetarisch mit Liebe“* von Jeanine Donofrio (Love and Lemons)
  • 320 Seiten, Hardcover
  • Rezepte von A wie Apfel bis Z wie Zucchini
  • zahlreiche Basics und Tipps für die Zubereitung
  • viele Rezepte sind glutenfrei und lassen sich leicht abwandeln, um sie histaminarm zu machen
  • 24,99 Euro, erschienen im Südwest-Verlag

Ich bedanke mich beim Südwest-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

Entspannung im Handumdrehen: Mudras

Yoga ist ein wiederkehrendes Thema beim Histamin-Piraten. Denn im Yoga vereinen sich verschiedene Entspannungstechniken, um Körper und Geist in Einklang zu bringen. Neben den Asanas (Bewegungsabläufen) sind das vor allem Pranayama (Atemtechniken) und Meditation. Dadurch wird Yoga zum ganzheitlichen Stressmanagement und das können wir bei HIT gut gebrauchen, denn wir wissen: Stress ist ein Histaminliberator.

Über die Zeit haben sich verschiedene Yoga-Stile herausgebildet, so dass jeder sein maßgeschneidertes Programm findet, das dem eigenen Geschmack sowie den individuellen körperlichen Voraussetzungen entspricht. Mir gefällt Yin Yoga sehr gut, aber im Grunde eignet sich jeder Stil, mit der Ausnahme von vielleicht Bikram-Yoga, wo der Körper aufgrund der warmen Umgebungstemperatur doppelt belastet wird.

Heute soll es einmal nicht um die Körperbewegungen im Ganzen gehen, sondern um die kleinen Gesten, die auch als Mudras bezeichnet werden. Statt “Baum” und “herabschauendem Hund” stehen Handposen wie das Herz-Mudra im Vordergrund.

Was sind Mudras?

Swami Saradananda schreibt in ihrem Buch “Entdecke die Kraft der Mudras: Der Energie-Kick für alle Lebenslagen”*:

Neben dem Gesicht ist kein Körperteil so ausdrucksstark wie die Hände. Mit ihrer Beweglichkeit können sie eine Vielzahl von Gesten und subtilen Bewegungen ausführen und so komplizierte Gedanken und tiefe Gefühle vermitteln.

Das haben wir im Alltag alle schon erlebt. Wir begleiten unsere Aussagen mit gewichtigen Gesten, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. Dieses Verhalten hat auch Eingang in unsere Sprache gefunden, wenn wir zum Beispiel “mit erhobenem Zeigefinger” sprechen oder “abwinken” usw.

Moderne wissenschaftliche Forschungsergebnisse zeigen, dass durch die Bewegungen verschiedener Teile der Hand unterschiedliche Bereiche des Gehirns aktiviert werden. Seit der Antike lehrt die indische Philosophie, dass Fingerbewegungen und -berührungen den Fluss des Prana – der Leben spendenden Energie im Körper […] – beeinflussen.

So wie einige von den Fußreflexzonen vielleicht schon mal gehört haben, wo sich verschiedene Energiepunkte sammeln, die auf Berührung reagieren, gibt es solche Punkte auch an den Händen. Betrachtet man sich den Menschen aus der Perspektive von Ayurveda oder TCM, begegnet man verschiedenen Konzepten über Energiefluss im Körper.

Was in Indien unter der Chakren-Lehre zusammengesetzt wird, hängt eng mit den Meridianen der Traditionellen Chinesischen Medizin zusammen. Beiden Philosophien ist die Elemente-Lehre gemein, auf die auch Swami Saradananda in ihrem Buch eingeht.

So ordnet sie verschiedene Teil der Hand unterschiedlichen Elementen und auch Chakren zu, die ihrerseits wiederum mit verschiedenen Funktionen im Körper betraut sind. So lässt sich auch eine Verbindung zu verschiedenen Organen und anderen Körperteilen herstellen, die mithilfe der Mudras gezielt stimuliert werden können.

Für Histaminintoleranz sind meiner Erfahrung nach vor allem drei Elemente interessant: Feuer (u. a. Verdauung), Luft (u. a. Herzkreislaufsystem und Atmung) sowie Äther/Akasha (u. a. Hunger und Durst). Der Grund? Was die Verdauung bei HIT angeht, haben viele zu viel oder auch zu wenig “Feuer”, wodurch Nährstoffe nicht richtig aufgenommen werden. Der Gegenspieler hierfür ist “Erde”. Wenn wir uns geerdet fühlen, sind wir wieder im Gleichgewicht.

Zahlreiche Histaminrezeptoren sitzen aber auch im Bereich der Bronchien. Das spielt zum Beispiel bei allergischem Asthma eine Rolle. Wir merken den Einfluss aber auch bei Atemnot als Symptom eines anaphylaktischen Schocks. Hieraus ergibt sich, dass wir das Element “Luft” in Einklang zu den anderen Elementen bringen müssen.

“Äther” oder auch Akasha reguliert Hunger und Durst. Dieses Element wirkt beispielsweise auf unsere Kreativität und Ausdruckskraft, aber auch auf unseren “inneren Frieden”. Wer sehr unruhig ist, schlecht schläft usw. sollte sich auf dieses Element konzentrieren.

Mit “Element” ist ein Konzept gemeint, das nicht mit dem chemischen Element aus dem Periodensystem, das wir aus der Schule kennen, verwechselt werden sollte. Wasser ist also nicht H2O. Stattdessen handelt es sich um abstrakte Ideen, mit denen man sich seit Jahrtausenden Funktionsweisen erklärt – und, wie die Wissenschaft vermehrt feststellt, handelt es sich dabei nicht nur um esoterische Spinnerei.

Beispielsweise ist das Konzept vom chinesischen “Chi” durchaus vergleichbar mit dem, was Physiker als “Quanten” bezeichnen.

Für uns soll von Interesse sein, dass die Lebensenergie im Körper stets im Fluss sein soll. Sind wir krank, gibt es irgendwelche Blockaden oder Ungleichgewichte, die man mit verschiedenen Methoden lösen bzw. wieder ins Gleichgewicht bringen kann, so die Lehre von Ayurveda und TCM.

Heute soll es uns dabei jedoch nicht um Kräuter, Atemtechniken oder dergleichen, sondern um Handzeichen gehen, die man beim Meditieren oder einfach in der Mittagspause praktizieren kann.

Mudras und Meditation

Mudras können beim Meditieren helfen. Wer mit dem Meditieren gerade erst beginnt, wird merken, dass es eine ziemliche Herausforderung darstellt, einige Minuten in einer Position zu verharren. Es zwickt und zwackt und die Gedanken beginnen zu rasen. Dabei soll doch Meditation genau das Gegenteil bewirken: beruhigen!

Doch tatsächlich wird andersrum ein Schuh draus. Wer meditieren möchte, sollte bereits ruhig sein. Meditieren erfordert Übung und Geduld. Daher ist es wichtig, sich am Anfang nicht zu übernehmen. Drei bis fünf Minuten pro Tag reichen zu Beginn. Steigern kannst Du Dich immer noch!

Wer den Schneidersitz oder gar den sogenannten Lotussitz unbequem findet, kann auch einfach auf einem Stuhl Platz nehmen. Wichtig ist lediglich, aufrecht zu sitzen, damit der Atem fließen kann. Für die Meditationspraxis auf dem Boden gibt es Meditationskissen*, die man sich unter den Popo schieben kann, um eine aufrechte Sitzposition zu erreichen und zu halten.

Sitzt Du mit geradem Rücken, gilt es, den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Manchen Menschen hilft es, die Augen zu schließen oder vor sich hin zu blicken. Zusätzlich kann es helfen, sich auf den eigenen Atem oder Herzschlag zu konzentrieren. Eine weitere Methode für all jene, die wie ich und der Histaminer eher zu der Kategorie “Zappelphilipp” gehören, sind Handzeichen. Durch die verschiedenen Berührungspunkte der Finger fängt man an, sich auf diese Gesten statt auf den gedanklichen Wust zu konzentrieren. Und schwups, kommt man zur Ruhe.

Meine Oma hat mir, als ich klein war, vor dem Schlafengehen oder wenn ich krank war, oft die Füße und Hände massiert. Klar, das wärmt einerseits, bringt aber auch die Energie zum Fließen. Jetzt, wo ich erwachsen bin, massiere ich mir morgens und abends selbst die Hände und Füße.

Swami Saradananda beschreibt in ihrem Buch auch einige Massagetechniken sowie Fingerübungen, die Du ausprobieren kannst.

Doch eigentlich dreht sich das Buch um die Vorteile der Mudras, insbesondere beim Meditieren und zum Stressmanagement. Meine drei liebsten Mudras, wenn es sowas gibt 😉 , finden wir im Kapitel, das dem Element “Luft” gewidmet ist.

Das Herz- oder Hridaya-Mudra, welches mir stets ein Lächeln auf die Lippen zaubert und sich erstaunlich warm anfühlt, macht den Anfang. Besonders gerne nehme ich diese Handposition ein, wenn ich auf dem Rücken liege und dabei die angewinkelten Beine nach außen fallen lasse, sodass sich die Fußsohlen berühren (Asana im Yoga: Supta Baddha Konasana/liegender Schmetterling).

Beim Hridaya-Mudra wird der Zeigefinger eingerollt, so dass die Fingerspitze den Daumenansatz berührt. Mittel- und Ringfinger berühren die Daumenspitze.

Beim Padma-Mudra oder der Lotus-Geste bilden beide Handteller eine Art Schale. Dadurch wird der Körper für frische Energie geöffnet. Dieses Handzeichen mache ich ganz gerne am Ende einer Meditations-Session.

Das Akasha-Mudra (Element Äther) gehört wohl zu den bekanntesten Handzeichen. Du hast es bestimmt schon einmal gesehen. Dabei berühren sich Daumen und Zeigefinger an der Spitze. Die restlichen Finger werden abgespreizt. Diese Geste soll den Geist klären und ist damit eine tolle Geste zum Meditieren.

So ähnlich schaut das Chin-Mudra (Element Luft) aus. Hierbei werden jedoch die restlichen Finger nicht abgespreizt, sondern angewinkelt. Beide erfüllen ähnliche Funktionen.

Swami Saradananda schreibt:

Als sich die Fingerspitzen berührten, habe ich eine starke Verbindung zwischen ihnen gespürt, sie fühlten sich an wie ein geschlossener Stromkreis und ich wollte sie nicht mehr trennen.

Wer jedoch sehr aufgeregt mit seiner Meditationsübung beginnt, freut sich womöglich noch mehr über ein “erdendes” Mudra. Das Jnana-Mudra wird tatsächlich dem Element Erde zugeordnet und wirkt ausgleichend und beruhigend. Die Zeigefingerspitze formt mit dem Daumen einen Kreis. Die Handfläche zeigt nach unten.

Durch die nach unten zeigenden Hände fühlte ich mich geerdet, geschlossen, versteckt, geheim, energetisch sehr verbunden und entspannter.

Wenn Du einmal in das Thema “Mudras” hineinschnuppern möchtest, kann ich Dir das Buch “Entdecke die Kraft der Mudras: Der Energie-Kick für alle Lebenslagen*” nur empfehlen.

Wenn Du mit geführten Meditationen statt in Stille zu sitzen beginnen möchtest, ist womöglich Andrew Wrenn ein guter Lehrer. Ich schätze den Yogi nicht zuletzt aufgrund seiner ruhigen Stimme. Er ist im Übrigen auch ein großer “Mudra-Fan”.

Kennst Du Mudras bereits und nutzt Du sie zur Entspannung und/oder beim Meditieren? Wenn ja, welche Gesten sind Deine Favoriten?

Zusammenfassung:

  • Entdecke die Kraft der Mudras: Der Energie-Kick für alle Lebenslagen*” von Swami Saradananda, übersetzt von Anna Hübinger
  • 160 Seiten, Softcover
  • Überblick über die verschiedenen Handhaltungen/Mudras bei Meditation und Yoga
  • Erklärung der Chakren
  • Einführung in die Elemente-Lehre von Ayurveda/TCM
  • simple Ideen zum Stressmanagement, die auch bei Histaminintoleranz von Interesse sind
  • 16,99 Euro, erschienen im Lotos-Verlag

Ich bedanke mich beim Lotos-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch von Autorin oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

Blog-Event: Die neuen Latte-Sorten von Sonnentor im Test (inkl. Gewinnspiel)

Kaffee und Histaminintoleranz – verträgt sich das?, ist eine Frage, die immer wieder auftaucht. Ich habe mich dem Thema hier schon einmal gewidmet. Die Kurzfassung lautet: jain – wie so oft bei HIT.

Kaffee bei HIT? Ein klares Jain

Die gute Nachricht: Kaffee enthält kaum Histamin. Die schlechte: Koffein gilt als DAO-Blocker. Somit kommt es beim Kaffeegenuss einerseits auf Deine individuelle Toleranzschwelle an: Wie sehr kannst Du Deine wahrscheinlich ohnehin begrenzte DAO-Aktivität durch Kaffee einschränken? Andererseits sei allen Freunden des dunklen Heißgetränks gesagt: Espressobasierter Kaffee von pur bis Cappuccino enthält – vielleicht wider Erwarten – weniger Koffein als Filterkaffee. Daher kannst Du Dir einen exquisiten Café Latte am Tag womöglich doch munden lassen, jedenfalls eher noch als den Pott Kaffee, den die konventionelle Filtermaschine ausspuckt.

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, ein heißes Milchgetränk mit Geschmack auch ohne störendes Koffein zu genießen. Und hier kommen die neuen Latte-Sorten von Sonnentor ins Spiel, die ich kürzlich beim Blog-Event in der Wiener Neubaugasse verkosten durfte. Dort wurden die würzigen Varianten zwar ebenfalls mit Espresso serviert, die schmecken aber auch ohne echt lecker.

Latte mit würzigem Geschmack

Zur Auswahl standen „Rote Bete“, „Kardamom“* und „Kurkuma“*. Statt purem Rote-Bete-Pulver, Kardamom- oder Kurkuma-Gewürz kommen die geschmacks-boostenden Mischungen als vollmundiges Gesamtkonzept daher. So setzen die Bio-Bauern mit Hauptquartier im österreichischen Sprögnitz auf folgende Kompositionen:

Rote Bete

Rote Bete, Hagebutten, Reismehl, Calciumcarbonat, Muskat, Piment, Kardamom, weißer Pfeffer, Nelken, Chili und Vanille

Kardamom

Kardamom, Rosenblüten, Muskat, Spinat, Lavendelblüten, Nelken und Vanille

Kurkuma

Kurkuma, Ceylon-Zimt, Kakao, Ingwer, Vanille, Süßholz und schwarzer Pfeffer

Obwohl alle Latte-Mischungen glutenfrei sind, fallen erfahrenen Histamin-Piraten bereits ein paar Zutaten aus eben histamintechnischer Sicht ins Auge, die ich zusätzlich fett markiert habe. So enthält Spinat recht viel Histamin. Kakao als Liberator sowie Süßholz und Muskat sind nicht für jeden einwandfrei verträglich, der mit HIT zu kämpfen hat. Richtig problematisch wird es, wenn Du beim Austesten gemerkt hast, dass Du mit Salicylaten neben Histamin Probleme hast. Dass die beiden – SI und HIT – ganz gerne mal im Team auftreten, habe ich hier erläutert.

Ist das eine Histamin-Sünde wert?

Doch wer seine Ernährungsumstellung längst aus dem Effeff beherrscht, hat sicher schon bemerkt, dass man auch mal „histamin-sündigen“ kann, ohne dass der nächste Tag mit einem Kater beginnt. Die Einsicht, dass es nicht nur um Verzicht gehen kann, ist eine wichtige, die für deutlich mehr Lebensqualität sorgt. „Substituieren statt eliminieren“ ist mein Schlachtruf hierfür. Viele Lebensmittel enthalten nämlich wichtige Vitamine und Mineralstoffe, auf die Du nicht verzichten kannst – sie sind essentiell, das heißt, der Körper kann sie nicht selbst herstellen. Hinzu kommt, dass Du als Histaminer beispielsweise von zusätzlichem Vitamin C profitierst.

Oft sind Lebensmittel daher eben nicht einfach „gut“ oder „böse“, sondern ein bunter Mix aus beidem. Kakao enthält neben einigen biogenen Aminen, die einen ähnlichen Abbauweg wie Histamin haben (was auch ein biogenes Amin ist), zum Beispiel Magnesium. In Maßen (nicht Massen) wird Schokolade daher bei uns ganz gut vertragen, sofern sonst nichts „Böses“ drin ist. Mehr dazu hier. Selbst Zitronen, die als Liberator gelten, haben wir wieder auf dem Speiseplan, weil, mit einem recht hohen Vitamin-C-Gehalt, die Vorteile von Zitronensaft bei uns überwiegen. Yeah!

Was bei Dir und in welcher Menge geht, solltest Du individuell ausprobieren. Daher kann ich keine allgemeine Empfehlung für die farbenfrohen Gewürzmischungen von Sonnentor aussprechen. Aber ich kann sie Dir nach dieser Vorbemerkung mal in ihrer ganzen Farbpracht zeigen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Und selbst wenn die Latte-Mischungen nicht in Deine Liste passen, bist Du zum Beispiel in Sachen Tee bei Sonnentor an der richtigen Adresse. Denn dort gibt es zum Beispiel Weißen Tee aus Bio-Landwirtschaft * sowie lose Kräutertees*, die Du pur genießen kannst oder aus denen Du Deine ganz persönliche Wohlfühlmischung zusammenstellen kannst.

Latte kann man auch essen

Während das Team von Wolfgang Coffee beim Blog-Event für weichen, blasenfreien Milchschaum nach 1A-Barista-Standard gesorgt hat, hat das Sonnentor-Kulinarik-Team einige Leckereien ausgetüftelt, die ebenfalls mit den Gewürzmischungen gepimpt gewesen sind. Gut, dass ich auf leeren Magen dort war 😉

So konnte ich mich einmal reihum durchprobieren. Es gab zum Beispiel Cupcakes mit pinkem Rote-Bete-Topping, kreisrund ausgestochene Müsliriegel – ebenfalls mit „Rote Bete Latte“ – sowie Milchreis mit Kardamom-Veredelung und einiges mehr. Wenn Du selbst einmal ausprobieren möchtest, was mit den neuen Gewürzmischungen so alles möglich ist, hast Du jetzt die Chance dazu.

Ich verlose ein Set, bestehend aus „Rote Bete“, „Kardamom“ und „Kurkuma“, womit Du schmackhafte Heißgetränke von Goldener Milch bis hin zu pinkem Cappuccino selbst zaubern kannst. Und wenn Du dann immer noch nicht genug hast, geht es daran, Törtchen, Kuchen oder sogar Brot bunt einzufärben – alles bio natürlich – mit den Latte-Mischungen von Sonnentor.

Um in den Lostopf zu hüpfen, hinterlasse bitte eine „Flaschenpost“, in der Du mir verrätst, was Du mit den neuen Latte-Mischungen von Sonnentor so anstellen würdest. Die Teilnahme ist aus Österreich und Deutschland möglich und das Gewinnspiel läuft bis zum 23. Februar 2018 23:59. Das Los entscheidet zeitnah, wer gewonnen hat. Ich melde mich dann per E-Mail bei dem Gewinner oder der Gewinnerin.

Viel Glück!

(c) Histamin-Pirat

Ich glaub’, ich werd’ verrückt … – Histamin, Medikamente und die (mentale) Gesundheit

Wer krank ist, leidet, und wer leidet, möchte nur möglichst bald wieder beschwerdefrei sein – eigentlich: gesund. Kein Wunder, dass der Wunsch nach einem Wundermittel groß ist! Die eine Pille, Kapsel oder Tablette – kaum hat man sie geschluckt, entfaltet sie ihre Wirkung und es geht einem wieder gut. Das wäre doch was!

Wundermittel gibt es nicht

Tatsächlich ist in unserer Gesellschaft, sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten, der Glaube an solche „Wundermittel“ gar nicht mal so klein. Wir nennen sie jedoch nicht „Wundermittel“. Es ist eben „Medizin“. Das Medikament muss man nehmen und schon bald ist der Patient genesen, soweit die Theorie. In der Praxis sieht es oft anders aus. Der Volksmund sagt zum Beispiel über grippale Infekte (nicht dasselbe wie Grippe!): Eine Erkältung kommt drei Tage, bleibt drei Tage und geht drei Tage. Alternativ hat sich der Spruch „Eine Erkältung dauert mit Behandlung nur 7 Tage, ohne hält sie eine ganze Woche an“ eingebürgert.

Eine Erkältung wird in aller Regel von Viren ausgelöst und die sind nicht nur sehr wandelfähig, sondern davon gibt es auch einfach viiiel zu viele, als dass eine gezielte Behandlung bei einem grippalen Effekt von Erfolg sein könnte. Es gibt jedoch ein paar Hausmittelchen, die die Beschwerden lindern und den Leidensweg erleichtern. So hilft inhalieren, die Atemwege freizubekommen. Warme Getränke, vor allem ungesüßter Tee, legen sich wie ein Balsam auf den gereizten Rachen und versorgen den Körper, der gerade auf Hochtouren gegen die fiesen Eindringlinge vorgeht, mit ausreichend Flüssigkeit. Was der Körper gerade leistet, lässt sich auch am Thermometer anhand der erhöhten Körpertemperatur ablesen. Erst wenn diese in einen kritischen Bereich rutscht, sollten fiebersenkende Maßnahmen eingeleitet werden.

Wie ist das bei Histaminintoleranz?

Doch genug mit der Erkältung, die jemand mit intaktem Immunsystem ganz allein bewältigt! Wie ist das nun mit Histaminintoleranz? Genau wie oben bereits am Beispiel der Erkältung beschrieben, gibt es nicht die eine Wunderwaffe im Kampf gegen HIT. So wie für die Erkältung zahlreiche unterschiedliche Viren verantwortlich sein können, ist auch die Entstehung einer Histaminintoleranz nicht monokausal zu erklären. Meist spielen viele Faktoren eine Rolle und was genau HIT im Einzelfall auslöst, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aufgrund dieser Lage ist es ziemlich schwierig, das Allheilmittel für HIT-Patienten zu entwickeln, denn jede Histaminintoleranz ist ein bisschen anders, wenn man so will.

Das Problem beginnt ja meist bereits mit der Diagnose. Nicht mal hier gibt es die eine Patentlösung, die für alle funktioniert. Stattdessen werden meist mehrere Diagnoseverfahren miteinander verbunden, um sicher zu gehen, darunter:

  • Eliminationsdiät mit anschließender Provokation (immer noch der Goldstandard der HIT-Diagnose)
  • Stuhl- oder Urinuntersuchung auf Histaminabbauprodukte (stark abhängig von Ernährung, Darmflora etc., zu starke Schwankung)
  • DAO-Wert oder -Aktivität mittels Bluttest feststellen (schwankt stark je nach individueller Ernährungsweise und Tagesverfassung und setzt strikte Standards an das Labor voraus)
  • 50-Skin-Prick-Test (basiert auf dem Pricktest zum Testen von Allergien, erfordert ein geschultes Auge des Arztes bei der Einschätzung)

Das liegt vor allem daran, dass Histamin so viele verschiedene Funktionen im Körper erfüllt, sowohl als Neurotransmitter als auch als Gewebshormon. Da es sich um einen körpereigenen Stoff handelt (anders als zum Beispiel Gluten, das wir nur mit der Nahrung aufnehmen), gehört HIT zu den „komplizierteren“ Intoleranzen, wenn es darum geht, den Wirkmechanismus genau zu verstehen.

Nach der Diagnose HIT: Therapieansätze

Was, wenn die Diagnose HIT steht? Jetzt geht es erst richtig los. Ärzte empfehlen meist eine histaminarme Diät und geben eventuell noch eine Lebensmittelliste zur Übersicht mit. Alternativ wird direkt mit der Kartoffel-Reis-Diät begonnen, die nicht ganz unumstritten ist, da sie zu Mangelerscheinungen beitragen kann, wenn dieses Werkzeug, um eine eigene Lebensmittelliste zu erstellen, sehr lange angewandt wird.

Mangelerscheinungen können übrigens durchaus den HIT-Symptomen ähneln und Mängel können natürlich auch zu histaminbezogenen Beschwerden, wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Flush etc., beitragen. Die histaminabbauenden Enzyme DAO und HNMT sind unter anderem auf eine ausreichende Versorgung mit Zink, Magnesium, B-Vitaminen, Calcium und Mangan angewiesen. Darüber hinaus kann ein Vitamin-D-Mangel HIT-Symptome verschlimmern. Denn wie alle fettlöslichen Vitamine, beeinflusst auch Vitamin D das Immunsystem. Und Histamin, als Entzündungsmediator, ist eng mit dem Immunsystem verknüpft.

In jedem Fall ist es wichtig, eine eigene Lebensmittelliste zu entwickeln, und nicht etwa pauschal Lebensmittel auszuschließen, weil irgendeine Liste das vorgibt. Denn die Toleranzschwelle für einzelne Lebensmittel variiert stark von Betroffenem zu Betroffenem. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu einer persönlichen Lebensmittelliste zu kommen. In jedem Fall sollte ein Ernährungstagebuch geführt werden.

Die Ernährungsumstellung empfinden die meisten HIT-Patienten als mühsam und so wächst wieder einmal der Wunsch, der Genesung auf die Sprünge zu helfen. Mittlerweile hat auch die Pharmaindustrie Wind von der Histaminintoleranz bekommen und vertreibt entsprechende „Spezialprodukte“, wie zum Beispiel Daosin, das für die sogenannte Enzymersatztherapie genutzt wird.

Durch die Einnahme kurz vor dem Verzehr von Speisen wird dem Körper künstlich DAO zugeführt, in der Hoffnung so wieder mehr essen zu können bzw. auch mal mit Lebensmitteln von der „roten Liste“ „sündigen“ zu können. Doch Daosin ersetzt nur ein histaminabbauendes Enzym: DAO, aber nicht HNMT. Somit ist es gegen sogenannte Liberatoren sowie andere Histamintrigger, wie zum Beispiel Stress, machtlos. Hinzu kommt – und das ist nun ausdrücklich meine Meinung – dass Daosin nichts für die Langzeitanwendung ist (nicht nur, weil es recht teuer ist), sondern etwas für den „Notfall“, wenn man mal zum Essen eingeladen ist oder so. Durch die künstliche Zufuhr des fertigen Enzyms wird dem Körper bei langfristiger Einnahme vorgegaukelt, dass eh genügend DAO vorhanden ist und somit wird die meist ohnehin schon geringe körpereigene DAO-Aktivität weiter herabgesetzt. Daosin kann eine HIT nie heilen, sondern lediglich zeitweise zur Erleichterung eingesetzt werden.

Antihistaminika, die auch gegen Heuschnupfen und andere Allergien angewandt werden, werden ebenfalls zur Behandlung für HIT herangezogen. Doch was machen die eigentlich? Je nach Art des Antihistaminikums bindet der enthaltene Wirkstoff an unterschiedliche Histaminrezeptoren. Solche Rezeptoren sind sozusagen die „Symptomschaltzentrale“ und die Antihistaminika kappen quasi die Verbindung, so dass es nicht zu den unangenehmen Symptomen wie Kopfschmerzen, Flush, Herzrasen, Schwindel, Schüttelfrost etc. kommt.

Doch obwohl die Vorsilbe „anti-“ enthalten ist, wirken sie nicht wirklich „gegen“ Histamin – der Histaminspiegel wird nicht gesenkt. In Notfallsituationen macht der Einsatz von Antihistaminika Sinn, aber sie können nicht präventiv genutzt werden und sollten auch nicht langfristig angewandt werden. Sie helfen lediglich, das Leiden zu lindern, wenn man zum Beispiel etwas „Falsches“ von der eigenen Lebensmittelliste erwischt hat.

Von der eigentlichen Therapie – einer Ernährungsumstellung – einmal abgesehen, sind Daosin und Antihistaminika die Hauptbehandlungswege bei HIT. Im Fall von Mastzellaktivierungserkrankungen kommen häufig noch sogenannte Mastzellstabilisatoren hinzu, die verhindern, dass der Körper eigenes Histamin aus den Mastzellen freisetzt. Zahlreiche Lebensmittel von Kurkuma bis Heidelbeeren enthalten ebenfalls Stoffe, die mastzellstabilisierend wirken. Im Idealfall nimmt man so seine Medizin mit der Nahrung auf (das funktioniert nur leider nicht immer).

In Ausnahmefällen werden Schmerzmittel bei Beschwerden verabreicht, das natürlich nicht ohne Nebenwirkungen und obendrein ohne Wirkungsgarantie. Tatsächlich bringen die meisten Kopfschmerztabletten bei histamintypischer Migräne wenig.

Wir verzichten fast vollständig auf Medikamente in Tablettenform. Lediglich der gezielte Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln macht dann und wann Sinn für uns, nämlich dann wenn ein Mangel nachgewiesen worden ist. Zwei Bücher, die ich kürzlich gelesen habe, unterstreichen unseren Skeptizismus, denn Patienten werden oft übertherapiert oder sogar falsch behandelt.

Übermedikation und Fehlbehandlung – auch ein Thema bei Histaminintoleranz?

In seinen zwei Büchern „Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität. Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert“* und „Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen. Wie Ärzte und Pharmaindustrie die Gesundheit der Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen“* zeichnet der dänische Arzt für Innere Medizin, Peter C. Gøtzsche, ein düsteres Bild, jedoch nicht, ohne gleichzeitig praktische Hinweise zu geben, wie der medizinische Sektor verbessert werden könnte.

Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich vor so reißerischen Titeln nicht zwingend zurückschrecke. Don’t judge a book by its cover, lautet meine Devise. Denn tatsächlich handelt es sich um konstruktive Kritik, die man sich insbesondere als Patient, aber auch als angehender oder behandelnder Arzt durchaus auf der Zunge zergehen lassen kann. Beide Bücher sind jedoch in erster Linie für Patienten geschrieben. Sie sollen dem Patienten ein Werkzeug sein, mit dessen Hilfe er bewusste Entscheidungen zum eigenen Wohl treffen kann.

Mit einem kritischen Blick auf die Pharmaindustrie sowie der Erwähnung von Interessenskonflikten von Ärzten, versteht es sich von selbst, dass die Bücher einigen Ärzten und vor allem der Pharmaindustrie übel aufstoßen. So sind im Internet zahlreiche Verrisse der beiden Bücher zu finden. Doch ich bilde mir ganz gerne meine eigene Meinung und rate das auch jedem, der hier mitliest. Auch meine Meinung muss und soll daher nicht einfach für bare Münze genommen werden.

Drei Medikamentengruppen, die auch eng mit Histaminintoleranz zusammenhängen, greift Gøtzsche in seinen Büchern besonders heraus: Antidepressiva (und andere Psychopharmaka), Schmerzmittel sowie Protonenpumpenhemmer (bei Sodbrennen).

Antidepressiva – wirken sie wirklich gegen Depressionen?

Nach seinem ersten Buch über das medizinische System, Interessenkonflikte und die von der Pharmaindustrie gesponserten Studien sowie Nebenwirkungen allgemein hat Gøtzsche den Psychopharmaka ein eigenes Buch gewidmet. Die angesprochenen Kritikpunkte von Übermedikation über Interessenkonflikte bis hin zu manipulierten Studien und frappierenden Nebenwirkungen sind im Bereich der Psychiatrie besonders offensichtlich.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei dem Folgenden vorausgeschickt, dass weder ich noch Peter C. Gøtzsche durch die Kritik an gängigen schulmedizinischen Behandlungsmethoden von psychischen Krankheiten, wie Depressionen oder Schizophrenie, das Vorhandensein dieser Krankheiten oder die Schwere dieser Leiden infrage stellen. Vielmehr ist es so, dass leider viele Medikamente nicht wirken oder schlimmer noch, Symptome noch verstärken oder weitere hervorrufen. Hinzu kommt, dass der Diagnosekatalog für psychische Krankheiten seit Jahren aufgeweicht wird, wodurch immer mehr Menschen in psychiatrische Behandlung kommen, obwohl sie vielleicht nur eine belastende, stressige Phase durchmachen, zum Beispiel nach dem Verlust einer nahestehenden Person.

Viele Betroffene von HIT haben den Umweg über die psychologische und/oder psychiatrische Abteilung gehen müssen, bevor sie bei ihrer eigentlichen Diagnose angelangt sind. Da für ihre Symptome, wie Herzrasen, keine organische Ursache gefunden werden kann, werden sie zuweilen in die Hypochonder-Ecke geschoben. Weil sie das Gefühl haben, Essen mache sie krank, weisen sie Symptome einer depressiven Verstimmung auf und werden mit Antidepressiva behandelt, welche HIT-Symptome oft verstärken und nur schwer abzusetzen sind.

Antidepressiva aus der Familie der SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor), zu deutsch selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, erhöhen den Serotonin-Spiegel im Hirn, wodurch die Rezeptorempfindlichkeit herabgesetzt wird. Dieser Umstand macht es in der Folge enorm schwierig, Medikamente wie Sertralin, Citalopram, Paroxetin oder Fluoxetin abzusetzen. Denn ohne die Weitergabe des Medikaments fällt der Serotonin-Spiegel rapide ab. Entzugserscheinungen treten auf. Schließlich ist das Hirn (und der Körper – Serotonin beeinflusst unter anderem auch die Darmbewegungen) den künstlich hochgehaltenen Serotonin-Spiegel gewohnt.

Bei Antipsychotika, die den Dopaminspiegel senken, funktioniert das Spiel umgekehrt. Durch den künstlich gering gehaltenen Dopaminspiegel sind die Dopaminrezeptoren empfindlicher und auch hier kommt es bei plötzlichem Absetzen des Medikaments zu Entzugserscheinungen. Daher sollten Antidepressiva und Antipsychotika unter Aufsicht ausgeschlichen werden, also die Dosis sukzessive verringert werden.

Wie in einem Teufelskreislauf werden solche Entzugserscheinungen oft als Krankheitssymptome fehlgedeutet, wodurch das Medikament schließlich im Dauerbetrieb genommen wird oder sogar die Dosis erhöht wird. Ironischerweise geht es daher, so eine Studie, auf die Gøtzsche verweist, Schizophrenie-Patienten in Entwicklungsländern, in denen die Medikamentenversorgung meist schlechter als bei uns ist, schneller wieder besser. Sie genesen mitunter sogar, weil sie oft ohne Medikamente behandelt werden.

Gøtzsche geht in seinem Buch jedoch noch weiter und verweist auf mehrere Studien, die vor allem bei jungen Menschen ein erhöhtes Suizidrisiko innerhalb der ersten Tage und Wochen nach Therapiebeginn mit Antidepressiva feststellen konnten (damit also negative Empfindungen erst auslösen und nicht behandeln!). SSRI erhöhen jedoch nicht nur das Selbsttötungsrisiko, sondern auch die Gewaltbereitschaft gegen andere. Immer wieder wird daher die Rolle von Antidepressiva und anderen Psychopharmaka im Zusammenhang mit Gewaltdelikten diskutiert. Beispielsweise ist Stephen Paddock, der am 1. Oktober 2017 mindestens 58 Menschen in Las Vegas getötet und zahlreiche weitere verletzt hat, im Juni Diazepam verschrieben worden. Eric Harris, der an der Schießerei an der Columbine High School beteiligt gewesen war, nahm das Antidepressivum Luvox ein. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Gøtzsche spricht sich in seinem Buch zudem vehement gegen die Zwangsbehandlung und die Fixierung in psychiatrischen Anstalten aus. In wenigen Pilotversuchen konnten weitaus bessere Behandlungsergebnisse auf der Basis von respektvoller Gesprächskultur bei Schizophrenen und anderen Patienten erzielt werden. Er weist außerdem darauf hin, dass degradierende Behandlungsmethoden wie die Fixierung an Betten, die Arzt-Patienten-Beziehung zerstören und nicht weniger, sondern mehr Personal erfordern würden. Schließlich müsse ja jemand den fixierten Patienten beaufsichtigen, was jedoch in der Praxis, sei es aufgrund von Personalmangel oder aus anderen Gründen, oft vernachlässigt wird.

Sehr kritisch steht Gøtzsche den biologischen Erklärungsansätzen für psychische Leiden gegenüber (das Thema Ernährungsmängel lässt er hier jedoch unerwähnt). Dass etwa ein Serotoninmangel für Depressionen verantwortlich sei, tut er als Märchen ab. Ganz so einfach ist es vielleicht nicht, dennoch sei an dieser Stelle zu denken gegeben, dass Psychologen und Psychiatern kein Test zur Verfügung steht, der am lebenden Patienten ein solches „Ungleichgewicht im Gehirn“ nachweisen könnte. Stattdessen wird anhand eines Symptomkatalogs diagnostiziert – oft jedoch nicht von Psychologen oder Psychiatern, sondern von Allgemeinmedizinern, die laut Gøtzsche 90 Prozent der Psychopharmaka verschreiben.

Das dazugehörige DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird alle paar Jahre in überarbeiteter Fassung herausgebracht. Mittlerweile sind wir bei DSM-5. Problematisch sind die immer weiter herabgesetzten Anforderungen, um als Patient in ein Diagnosemuster gesteckt zu werden. Hinzu kommt die Bestrebung, neue Krankheiten zu (er-)finden. Relevant im Zusammenhang mit HIT ist beispielsweise die Orthorexie, der zwanghafte Drang, nur „richtig“ essen zu wollen, eine bisher nicht anerkannte Essstörung, die aber womöglich in Zukunft in diesen Katalog aufgenommen werden könnte und HIT-Patienten wiederum in die „Psycho-Ecke“ stellen würde. Einen, meiner Meinung nach, sehr guten Artikel zu diesem Thema hat beispielsweise der Gynäkologe Sven Harrenberg auf seine Praxisseite gestellt.

Schmerzmittel mit entzündungshemmender Wirkung?

Schmerzmittel haben in der Langzeiteinnahme zahlreiche Nebenwirkungen, darunter beispielsweise das erhöhte Risiko für Thrombosen. Die sogenannten NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) werden jedoch nicht nur bei Schmerzen verordnet, sondern auch bei chronisch-entzündlichen Krankheiten wie Rheuma, weil sie angeblich entzündungshemmend wirken. In einer Studie wurde dazu untersucht, ob Schmerzmittel tatsächlich Schwellungen lindern (und nicht nur Schmerzen), um diese entzündungshemmende Wirkung nachzuweisen. Das Ergebnis fiel negativ aus. Schmerzmittel lindern also wirklich nur Schmerzen und sollten nur im Notfall angewandt werden, etwa nach einer Operation oder bei sehr starken Schmerzen, wie sie beispielsweise bei der Behandlung von Krebs auftreten.

Protonenpumpenhemmer – das Allheilmittel gegen Sodbrennen?

Sodbrennen oder Reflux ist unangenehm und schmerzhaft. Bleibt der Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre lange unbehandelt, sind Schäden, wie Vernarbungen an der Speiseröhre, nicht ausgeschlossen. Wer über Reflux klagt, bekommt daher schnell mal einen Protonenpumpenhemmer verschrieben. Tatsächlich, so schreibt Gøtzsche, werden 50 Prozent dieser Medikamente ohne Indikation verordnet.

Doch damit nicht genug, ähnlich wie bei den Antidepressiva und Antipsychotika treten beim plötzlichen Absetzen von Protonenpumpenhemmern Entzugserscheinungen auf, wodurch auch sie oft länger genommen werden, als es nötig wäre. Protonenpumpenhemmer bringen das Hormongleichgewicht durcheinander, was, ähnlich wie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin, eng mit Histamin verbunden ist. Gerät hier etwas aus der Balance, kann das auch HIT-Symptome verschlimmern. Bei Sodbrennen ist es daher viel wichtiger, die Ursache für den Reflux zu finden. Das kann zum Beispiel eine gestörte Darmflora und/oder eine Intoleranz sein.

Zusammenfassung

Medikamente sind per se nichts Schlechtes. Jedoch sollte jedem klar sein, dass mit einer Wirkung auch Nebenwirkungen möglich sind. Einige Medikamente machenbei Histaminintoleranz bei kurzfristiger Gabe oder im Notfall durchaus Sinn, empfehlen sich jedoch nicht für eine Langzeittherapie – das gilt zum Beispiel für Schmerzmittel und Antihistaminika. In Sachen HIT, wie bei anderen Beschwerden auch, ist Ursachenforschung gefragt, und meist ein Wandel in Lebenswandel sowie Ernährungsweise sinnvoll.

Peter C. Gøtzsche geht in seinem Buch nicht nur mit der Pharmaindustrie scharf ins Gericht, sondern wirft auch ein kritisches Blick auf die Alternativmedizin. Ich stimme zu, dass Quacksalberei von echten Heilpraktiken, vor allem für den Laien, zuweilen nicht ohne Weiteres zu unterscheiden ist. In dem Bereich wird viel Humbug verbreitet. Trotzdem kann man deshalb nicht alle Heilpraktiker oder Alternativmediziner über einen Kamm scheren.

Als konkretes Beispiel führt Gøtzsche eine Metastudie zur Behandlung mit Nachtkerzenöl bei Neurodermitis an, ohne jedoch im Fließtext seines Buchs darauf hinzuweisen, dass es sich lediglich um die orale Gabe handelt, die untersucht wird. Die Einnahme von Nachtkerzenöl bringt demnach keinen effektiven Nutzen bei dieser Hautkrankheit. Dass die topische Anwendung, also auf der Haut, durchaus wirksam ist, wird in seinem Buch verschwiegen.

Genau solche Auslassungen bzw. Generalitäten, die Gøtzsche selbst nur allzu gern kritisiert, unterlaufen ihm hier und da also selbst. Das zeigt sich an anderer Stelle im Buch auch, wenn er Patientenorganisationen oder Blogger kritisiert, die sich oft bereitwillig der Pharmaindustrie hingeben, was er ein paar Seiten später wieder relativiert – nicht alle Patientenorganisationen und Blogger sind so, zum Glück. Kurz nachdem ich diesen Abschnitt gelesen hatte und doch für recht hanebüchen empfand, erreichte mich – Ironie des Schicksals – eine E-Mail, die zu einem Kongress nach Berlin einlud. Hauptsponsor war Pfizer, wodurch eine Teilnahme für mich nicht infrage kam. Doch die Nachricht war Beleg für mich, dass das, was der Autor in seinem Buch beschrieben hat, tatsächlich stattfindet, wenn auch ohne mich.

Leider habe ich auf meine Interviewanfrage bisher keine Antwort vom Autor erhalten. Sollte sich das noch ändern, liefere ich das Gesprächstranskript gerne noch nach.

Ich könnte noch wesentlich mehr Details und vor allem die zahlreichen Verbesserungsvorschläge von Peter C. Gøtzsche hier vorstellen, allerdings ist der Artikel bereits jetzt sehr lang geraten. Wer also neugierig geworden ist, greift am besten selbst zur Lektüre. Hier die Daten:

Ich bedanke mich beim Riva-Verlag für die gratis zur Verfügung gestellten Rezensionsexemplare. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

Ich und mein Körper – warum meine Histaminintoleranz nicht wie Deine ist

Jede Histaminintoleranz ist ein bisschen anders. Bemerkbar macht sich das zunächst an unterschiedlichen Toleranzschwellen: Was den einen in geringen Mengen abschießt, kann der andere, zumindest in geringen Mengen, essen, ohne dass sich Beschwerden zeigen. Dann gibt es noch unterschiedliche Reaktionszeiten. Je nach dem, was gegessen wurde und wie es um den eigenen Histaminhaushalt steht, können Symptome zeitnah nach dem Verzehr histaminhaltiger Speisen auftreten oder teilweise doch mehrere Tage auf sich warten lassen. Allgemein treten verzögerte Reaktionen vor allem nach dem Verzehr sogenannter Histaminliberatoren auf. Selbst die Symptome können ganz unterschiedlich ausfallen. Während manche vor allem mit Verdauungsbeschwerden zu kämpfen haben, klagen andere vermehrt über Herzstolpern und Kopfschmerzen oder Hautausschlag und Atemprobleme.

Auf einen wichtigen Unterschied kommen wir aber doch eher selten zu sprechen. Das sind die unterschiedlichen Ursachen.

Histaminintoleranz von Anfang an verstehen

Für viele ist es nicht einfach, die Ursache ihrer Beschwerden dingfest zu machen. Darin liegt auch keine Schande. Schließlich geht es vielen Ärzten nach wie vor genauso. So wird eine Histaminintoleranz (so wie die verwandten Mastzellaktivierungserkrankungen) meist erst im zweiten, dritten … Anlauf als solche identifiziert, wenn es einem Arzt gelingt, die Symptome sinnvoll zu einem Krankheitsbild zusammenzufügen und mithilfe labordiagnostischer Mittel bestätigen lässt.

Die Hürde besteht beispielsweise darin, festzustellen, dass das Herzstolpern nicht durch einen Herzklappenfehler oder ähnliches verursacht wird. Überweist der Hausarzt aufgrund dieser Symptomatik seinen Patienten zum Kardiologen und kann dieser nichts Organisches am Herzen finden, läuft man als Patient Gefahr, als eingebildeter Kranker abgestempelt zu werden. Das Gleiche gilt für den pochenden Kopfschmerz, für den es laut MRT oder CT keine Ursache zu geben scheint oder die zugeschnürte Brust, obwohl die Lunge organisch in Ordnung ist usw.

Dem Patienten hilft dann nur: hartnäckig bleiben und vor allem alles (!) erzählen. Ein Arzt muss beim Patientengespräch in die richtige Richtung gelenkt werden. Die vollständige Auflistung der Symptome – und scheinen sie dem Patienten und Arzt noch so unzusammenhängend – ist wichtig für den Denkanstoß. Denn zum Schluss fallen alle Puzzleteile doch zu einem sinnvollen Bild zusammen. Nur Geduld. Will der Arzt einen partout nicht ernst nehmen, hilft das Einholen der berühmten „zweiten Meinung“. Außerdem: Ein Arzt muss und kann nicht jede Krankheit kennen – da gibt es einfach zu viele. Auch deshalb macht der Ärztewechsel zuweilen einfach Sinn.

Wie Frau Dr. Annelie Scheuernstuhl im Interview mit mir erklärt hat, spielt es dabei nicht unbedingt eine Rolle, welchem Fachgebiet der Arzt zuzuordnen ist. Klar, die ganze Histaminsache ist eigentlich ein Problem der Inneren Medizin und auch der Immunologie. Doch zum Beispiel kennt sich auch unsere HNO-Ärztin überraschend gut mit dem Thema aus. Der Erfahrung nach sind es oft Dermatologen und Gynäkologen, die einem weiterhelfen können, sofern sich die „Götter in Weiß“ auch nach dem oder begleitend zum Studium weitergebildet haben. Eine naturheilkundliche Zusatzausbildung kann hier nicht schaden.

Die Auslöser für eine Histaminintoleranz sind bis heute noch nicht klar umrissen. Doch folgende Dinge scheinen eine wichtige Rolle zu spielen:

  • bakterielle Infektionen, Antibiotika, gestörte Darmflora
  • Pilzerkrankungen
  • Schwermetallbelastung
  • Nährstoffmängel, insbesondere Vitamin D, Zink, Magnesium und B-Vitamine
  • hormonwirksame Verhütungsmittel, gestörter Hormonhaushalt und Wechseljahre
  • bestimmte Vorerkrankungen der Schilddrüse, Krebs und andere

Schaut man sich die Liste an, kommt ein flaues Gefühl auf: Offenbar können eine Bandbreite von Problemen letztlich zur Histaminintoleranz führen, die, um es noch mal schwieriger für alle Beteiligten zu machen, auch noch so ein breit gefächertes Symptombild hat. Das liegt daran, dass das Gewebshormon Histamin, das an bestimmten Stellen im Körper auch wie ein Neurotransmitter wirkt, so viele Funktionen im Körper hat bzw. so viele unterschiedliche Prozesse beeinflusst. So steht Histamin nie für sich allein.

Um dem Problem auf die Schliche zu kommen, empfiehlt sich der holistische Blick eines naturheilkundlich ausgebildeten Arztes, der gleichzeitig mit den schulmedizinischen Diagnostikmethoden umzugehen weiß. Blut-, Urin- und Stuhlanalysen in der Kombination mit Tests wie dem 50-Skin-Prick-Test oder dem traditionellen Ernährungstagebuch erlauben dann doch eine eindeutige Diagnose: Histaminintoleranz ja oder nein.

Naturheilkunde trifft auf Schulmedizin: Das Beste aus Ost und West

Genau aus diesem Grund habe ich mich auf „Das sanfte Gesundheitsbuch für Frauen“* von Dr. med Georg Kneißl gefreut. Da geht es zwar nicht explizit im Histaminintoleranz, aber eben um „Frauenleiden“ und zwar aus naturheilkundlicher und schulmedizinischer Sicht in einem.

Zwar ist Histaminintoleranz kein reines „Frauenleiden“, doch wenn ich mir ärztliche Statistiken und auch das Feedback auf meinem Blog anschaue, sind es meist Damen, die daran erkranken bzw. die mir schreiben.

Doch da ich eine überaus kritische Leserin bin, hat das Buch noch vor der Lektüre die simple Frage aufgeworfen: Warum schreibt ein Mann so ein Buch? Doch darauf komme ich später noch einmal zu sprechen.

Eingangs liefert das Buch eine kurze Einführung in die 5-Elemente-Lehre und andere naturheilkundliche Prinzipien. Diese „Elemente“ sind dabei nicht als Stoffe, wie wir sie im chemischen Periodensystem finden, zu verstehen, sondern sie sind ein metaphorischer Ausdruck für bestimmte (Lebens-)Prinzipien. Sehr schön erklärt wird dies übrigens auch in Wong Kiew Kits Buch über Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)*. Für Kneißl ist die TCM-Lehre eine kraftvolle Hilfe bei der Diagnostik von Krankheiten, da hierbei eben der gesamte Patient (mit all seinen fünf Elementen) zusammengedacht wird.

Hat man es einmal über die 25 Einleitungsseiten hinaus geschafft, landet man beim ersten Element. Kneißl gliedert sein Buch in genau die fünf Elemente Metall, Erde, Holz, Feuer und Wasser, was logisch erscheint und mich ehrlich gesagt, sehr angesprochen hat. Je nach dem, welche Elementeschwächungen vorliegen, lassen sich bestimmte Krankheiten, aber eben auch deren Ursache erkennen. So wird im Gegensatz zur üblichen schulmedizinischen Herangehensweise nicht nur gegen die Symptome vorgegangen, sondern das vorliegende Ungleichgewicht möglichst beseitigt, um den Körper wieder in Einklang zu bringen.

Doch schon bald tun sich logische Schwächen im Buch auf. Hinzu kommen plumpe Generalitäten, die im Speziellen keine Gültigkeit haben müssen. So ist, ich habe darüber schon einmal geschrieben, Vollkorn nicht zwingend gesünder als Weißmehl. Kneißl sieht das anders und ist für einen naturheilkundlich ausgebildeten Arzt hier und da einfach zu salopp, zieht Allgemeinplätzchen dem holistischen Zugang, der stets auch ein individueller sein sollte, vor. Schade, liefert das Buch an anderer Stelle doch durchaus denkwürdige Anstöße:

  • Verzicht auf Lotionen, Cremes und Sonnenmilch mit Weichmachern (Phthalaten) wegen hormonähnlicher Wirkung
  • rhythmische Bewegungen und Tanzen zur Stärkung des Elements Metall
  • Verzicht auf Teflon-Pfannen (lieber Gusseisen oder hochwertiges Keramikkochgeschirr)
  • Verzicht auf Amalgam → erhöht das Allergierisiko (und auch das für Histaminintoleranz?)
  • generell kein Schweinefleisch essen
  • der Standard-28-Tage-Rhythmus der Anti-Baby-Pille muss nicht mit dem eigenen natürlichen Rhythmus übereinstimmen

Während ich die oben genannten Punkte so unterschreibe und davon ausgehe, dass mir viele naturheilkundlich geschulten Ärzte beipflichten würden, sehe ich viele andere Punkte im Buch eher kritisch. Besonders schlimm wird es für den Leser, wenn sich der Autor selbst widerspricht, wahrscheinlich in dem Versuch, keine zu „krassen“ Aussagen zu treffen.

Offen gestanden war das einer der wichtigsten Punkte in dem kürzlich geführten Interview mit Frau Dr. Scheuernstuhl: dass sie eben kein Blatt vor den Mund genommen hat! Mit einigen ihrer Aussagen begibt sie sich jedoch, zumindest aus schulmedizinischer Sicht, auf Glatteis, obwohl es zum Beispiel für ihre Aussagen bezüglich der Schädlichkeit von hormonwirksamen Verhütungsmitteln mittlerweile einige Studien gibt. Hut ab für den Mut also! Ich werde demnächst auf dem Blog auf den Konflikt „Schulmedizin vs. Naturheilkunde“ noch genauer eingehen. Freut Euch drauf! 🙂 Für den Moment hat mich Herr Dr. Kneißl aber sehr ernüchtert. Ein paar Beispiele hierfür:

Denn so wie es „gute“ Fette und „schlechte“ gibt [was so übrigens auch nicht stimmt – das Verhältnis der Fette zueinander muss stimmen, Anmerkung], so gibt es „gute“ und „schlechte“ Kohlenhydrate.

Vier Seiten später heißt es dann aber:

Verzichten Sie schließlich möglichst ganz auf Kohlenhydrate. Das heißt, Ihre Kost besteht aus dem, wie sich über Hunderttausende von Jahren die Menschen immer ernährt und damit bestens überlebt haben. Als Sammler und Jäger: Sehr viel Salat (Wurzeln), Gemüse, Samen und Früchte. Dazu gelegentlich Eiweiß aus Fisch und Fleisch (oder besser: Sojabohnen) [Anmerkung im Original]. Morgens zum Frühstück ist ein Knäckebrot erlaubt, das Sie zum Beispiel mit frischem Obst genießen können.

“Erlaubt“ gefällt mir in diesem Zusammenhang (es geht um gesunde Ernährung im Allgemeinen, keine spezifische Intoleranz mit Einschränkungen) schon einmal gar nicht. Viel merkwürdiger finde ich aber, dass ein Mediziner mir einreden möchte, dass Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse keine Kohlenhydrate enthalten. So ein Quatsch! Ja, so ernährt man sich nach der Low-Carb-Diät, die aber ohnehin eigentlich „Better-Carb-Diät“ heißen sollte … Das hat er mir noch vier Seiten vorher selbst versucht zu erklären.

Auffällig sind anderer Stelle im Buch die konkreten Produktempfehlungen. So wird etwa die blaue Nivea-Creme uneingeschränkt empfohlen, als es darum geht, Weichmacher in Kosmetika zu vermeiden. Dabei zeigt zum Beispiel die BUND-App ToxFox, dass auch Markenhersteller wie Nivea durchaus mit diesen hormonwirksamen Substanzen in Sonnencreme, Lotionen usw. arbeiten – bei Herrn Dr. Kneißl fehlt diese Anmerkung jedoch. Auf S. 126 wird die Douglas-eigene Serie DAYTOX uneingeschränkt empfohlen. Ein kurzer Blick in die Zusammensetzung eines Duschbads war aufschlussreich genug für mich, hier nicht zuzugreifen. Auch die generelle Empfehlung von Sojaprodukten zieht sich durch das Buch, als gebe es keine anderen pflanzlichen Eiweißprodukte! Was ist zum Beispiel mit Erbsen? Die übrigens auch bei Histaminintoleranz in Maßen verträglich sind, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Hülsenfrüchten theoretisch auch roh gegessen werden können (bei HIT aber bitte dünsten oder kochen).

Ebenfalls kritisch bewerte ich Aussagen über „eine verklemmte Sexualität“, die schließlich für Regelbeschwerden sorgen soll. Ähnliches gilt für Aderlass! Diese Zeiten, dachte ich, seien doch nun wirklich Geschichte. Aber nein, auf S. 155 wird er empfohlen. Tatsächlich ist es so, dass regelmäßiges Blutabnehmen bei bestimmten Erkrankungen Sinn machen kann. Aderlass ist jedoch immer eine unhygienische und gefährliche Angelegenheit und nicht dasselbe wie die Blutabnahme unter sterilen Bedingungen!

*

Auf S. 165 liest man den üblichen Satz, die Pille würde dem Körper vorgaukeln, er sei schwanger, weil eine progesteronähnliche Substanz enthalten ist. Frau Dr. Scheuernstuhl gibt in ihrem Buch* kurz und einleuchtend zu denken, wenn dem so sei, warum könne man dann mit der Pille abtreiben? Überhaupt macht das Thema „Pille“ eine Achterbahnfahrt im Buch mit. Sie belaste die Leber und dann spricht sich Dr. Kneißl doch für eine gestagenbetonte Pille aus. Die sei weniger schädlich als die östrogenbetonte. Einmal umgeblättert, heißt es dann, dass „das (falsche) synthetische Gestagen die eigenen Gelbkörperhormone ziemlich absenkt und es so zu einem relativen Östrogenüberschuss kommt.“ „Falsche“ oder „richtige“ Gestagene sind im Zusammenhang synthetischer „Hormone“ eine Illusion, ist (nicht nur) meine Meinung. Im Endeffekt – und das räumt an dieser Stelle selbst Dr. Kneißl bis zu einem gewissen Grad ein – führen sie mittel- bis langfristig alle zu einem Ungleichgewicht – zu einer Östrogendominanz. Auf S. 173 betont das Dr. Kneißl selbst noch einmal deutlicher:

Die weitverbreitete Pilleneinnahme [diesmal ohne „richtig“ oder „falsch“, Anmerkung] sowie Blockaden der Meridiane des Elements Holz sorgen dafür, dass das Progesteron im Körper abfällt und es dadurch zu einem relativen Östrogenüberschuss kommt. Gefährlich.

Ähnlich problematisch verhält es sich mit der Kupferspirale, die zwar keine synthetischen „Hormone“ enthält, aber eben Kupfer. Was an sich nicht schädlich wäre, da sich die Spirale aber durchgehend im Körperinneren befindet und Kupfer der natürliche Gegenspieler zu Zink ist, ist auch hier langfristig ein Zinkmangel mit entsprechenden Folgen absehbar. Trotzdem wird sie im Buch empfohlen.

Meine nächste Kritik bezieht sich auf folgende Aussage:

Weil die Unterscheidung zwischen gutartiger Veränderung der Brust, Zyste und Krebs – durch Abtasten zum Beispiel – sehr schwierig ist, bedarf es anderer Methoden, um mehr Sicherheit zu gewinnen. Zum Beispiel durch die Ultraschalluntersuchung oder die wenig beliebte, aber recht aussagekräftige Mammographie.

Erstens geben weder Ultraschall noch Mammographie Auskunft darüber, ob Gewebsveränderungen gut- oder bösartig sind – sie zeigen allenfalls an, dass Veränderungen im Gewebe vorliegen. Auskunft darüber, ob es sich dabei tatsächlich um Krebs handelt, gibt lediglich eine Gewebeanalyse mittels Biopsie. Zweitens ist die „wenig beliebte“ Mammographie bekannt für falschpositive Ergebnisse, die Frauen in Angst und Schrecken versetzen können. Zudem erhöht das regelmäßige Scannen sogar das Krebsrisiko. Wie Dr. Kneißl wiederum mit Verspätung sieben Seiten später festhält:

Anders, als der Name glauben machen möchte, ist die Krebsvorsorge (nicht nur der Brust) [Anmerkung im Original], wie sie die Schulmedizin [und auch Dr. Kneißl sieben Seiten vorher] empfiehlt, gar keine Vor-Sorge, sondern (wenn man Glück hat) [Anmerkung im Original] die Feststellung einer Krebsgeschwulst in einem frühen Stadium.

In Bezug auf Sexualstörungen gibt Dr. Kneißl ab S. 248 (wahrscheinlich gut gemeinte) Ratschläge, wie das Sexualleben wieder aufzupeppen sei. Mit dabei ist auch dieser äußerst bedenkliche „Tipp“:

Selbst seriöse Modekataloge bieten inzwischen Vibratoren und Sexspielzeug an, die Sie sich gleichzeitig mit neuen Dessous diskret verpackt ins Haus liefern lassen können. Gleitmittel und Viagra sind schon lange kein Tabu mehr!

Gesundheitlich bedenklich ist Viagra dennoch nach wie vor.

Abschließend fällt mir meine anfängliche Frage wieder ein: Warum ausgerechnet ein Mann „Das sanfte Gesundheitsbuch für Frauen“* geschrieben hat? Mit welcher Intention? Liest man nicht nur den Fließtext der einzelnen Kapitel, sondern stets auch die angehängten Kästen mit Hinweisen zur „Selbsthilfe“, wie es bereits auf dem Cover heißt, fallen die Rundum-Kuren auf. So wird zur Einnahme einer ganzen Bandbreite von Präparaten geraten. Für ähnliche Beschwerden wird oft fast doe gesamte Palette der Schüßler-Salze empfohlen und natürlich jede Menge Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und Mineralstoffen. Warum? Nun, böse Zungen würden behaupten, es hat damit zu tun, dass Dr. Kneißl alleinvertretungsberechtigte Einzelperson, kurzum Geschäftsführer, der SAN-U-VIT GmbH ist, die ihres Zeichens ebensolche Nahrungsergänzungsmittel herstellt bzw. vertreibt.

Als Einführungsbuch ist das Werk aufgrund der zahlreichen Widersprüche und teils doch bedenklichen Tipps nicht zu empfehlen. Trotzdem soll dieser Ausreißer nicht bedeuten, dass die Naturheilkunde keine sinnvollen Chancen für Histaminintoleranz-Betroffene bietet. Vielmehr zeigt es, dass der Patient auch hier sehr wachsam sein muss, welche Angebote er nutzt und welche nicht. Allenfalls ist das Buch somit eine gute Gelegenheit, in sich selbst hineinzuhören. Denn tatsächlich wissen Betroffene instinktiv oft selbst, was ihnen guttut und was ihnen schadet. Diese innere Stimme zu stärken, ist in jedem Fall ein lohnenswertes Vorhaben. Daher wird es in nächster Zeit einige kritische Auseinandersetzungen mit der medizinischen Praxis geben, die Ihr als kritische wie vernünfte Denkanstöße nutzen könnt, um Euch für medizinische Themen zu sensibilisieren, denn Ihr habt nur diesen einen Körper und es ist am Ende Eure Verantwortung, ihn zu pflegen. Eine eigene, aber fundierte Meinung zu haben, ist daher nicht nur sinnvoll, sondern in meinen Augen sogar nötig.

Zusammenfassung:

Ich bedanke mich beim Kösel-Verlag für das gratis zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Die gemachten Angaben sind weder vom Verlag, noch vom Autor oder anderen beeinflusst worden und entsprechen meinen eigenen Ansichten.

(c) Histamin-Pirat

 

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